Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 O O o o Ar. Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung Descartes ist einer jener ganz großen Denker, deren geistiger Tharakter durch einen seltsamen Widerspruch beherrscht wird: persönliche Religiosität, ja eine kirchlich korrekte Gläubigkeit grenzt in ihm an eine theoretische Weltanschauung, deren nächste Konsequenzen mit der kirchlich approbierten unvereinbar sind. Man tut ihm sicher Unrecht, wenn man seine Aufrichtigkeit verdächtigt. Aber das Urteil der rechtgläubigen Utrechter Professoren, welche seine Philosophie als „der wahren Theologie zuwiderlaufend" verdammte, hat auch seine guten Gründe. Gr gelobt der Madonna von 5. Loreto. eine Wallfahrt; und sieht in der Welt und allem materiellen Geschehen einen bloßen Mechanismus, bewegt und getrieben durch die blinden Kräfte von Stoß und Druck. Uns interessiert in diesen Zeilen weder seine Stellung zur offiziellen Kirche; noch bannt unseren Blick das von ihm gezeichnete Naturbild: in Kopernikus und Galilei hatte er große, wo nicht größere Vorgänger. Es ist vielmehr der leitende philosophische Gedanke. In dem Fundament seines Denkens tritt ganz deutlich auch die Umwälzung ans Licht, welche der Religionsbegriff Schritt vor Schritt in der Neuzeit erfährt. Die mittelalterliche Kirche — und die römische unserer Tage ist ihre Erbin — glaubte in allen Dingen, welche für den Menschen von irgend welcher Wichtigkeit sein könnten, die unbedingte Wahrheit zu besitzen. Ihrer Wissenschaft kam es nicht die Wahrheit zu suchen, sondern die längst gefundene zu verdeutlichen, zu erläutern, in neue Formen zu gießen. Wenn irgend etwas den alten Geist vom neuen scheidet, so ist es dies: für jenen ist die Welt endlich; und er besitzt für Diesseits und Jenseits in der Offenbarung den Schlüssel, dem kein Schloß den Gehorsam weigert. Dem Modernen weitet sich die Welt ins Grenzenlose; jede Antwort gebietet ihm eine neue Frage; jede Lösung ein neues Problem. Das Mittelalter lebt in einer ewigen Gegenwart, die fest umzäunt und Umrissen ist, ihm ist der Fortschritt eine fremde Vorstellung, wir aber atmen in der Zukunft und freuen uns ihrer. Alan braucht diesen Gegensatz der Lebensgefühle nur auf sich wirken zu lassen, um zu erraten, worauf es der neuen Zeit ankommen mußte: auf das Instrument, mit welchem wir diese Unendlichkeit für uns einfangen, auf den Weg, der uns sicher durch die grenzenlose Zukunft führt. Altererbte Wissenschaft, überhaupt eine abgeschlossene Summe von Kenntnissen ist hier machtlos; denn sie ist nicht eingestellt auf die Ergreifung des Neuen, das niemals endend aus den weiten der Wirklichkeit auf uns einströmt. Es bedarf vielmehr einer Methode, eines nimmer versiegenden geistigen Springquells. Dieser ist die menschliche Vernunft. Indem sie für souverän erklärt wird, als die oberste Instanz, vor der alles sich verantworten muß, schlägt dem autoritätsgläubigen Mittelalter die Todesstunde. Als den ersten der großen modernen Verkünder des Nationalismus verehren wir Descartes. Die Pforte seines Gedankenbaues bildet sein Zweifel an allem, was bisher als Wahrheit galt. Der Zweifel ist eine uralte, auch dem religiösen Gemüte wohl vertraute Stimmung. Der Fromme betet wohl, daß ihn Gott von seinen Zweifeln an der göttlichen Gerechtigkeit erlöse. Er begehrt keinen Beweis; nur von der $ual der Ungewißheit will er befreit sein; er möchte wieder von Herzen glauben und vertrauen dürfen. Descartes aber will mehr. Er will wissen, erkennen. Die Wissenschaft seiner Tage mochte vielleicht im Besitz der Wahrheit sein; aber sie verfügte nicht über ein unzweideutiges Kennzeichen, das ihre Echtheit verbürgte; war also im Grunde ein Glauben, kein wissen. Aus diesem absoluten Zweifel rettet sich Descartes auf den Felsen des selbstbewußten