Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung rr „Linen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir: Gott, ihn aller wesen Vater, Deutschland unsre Mutter hier!" ~ Diesen Worten habe ich nur wenig hinzuzufügen. Die einmütige Begeisterung, die in unseren Reihen herrscht, verbürgt die Lebensfähigkeit unseres Vereins. Alter und Jugend traulich vereint: so leuchtet einer schönen Zukunft glühend Morgenrot! A» uns ist es, dem neuen Licht ein würdiges Geschlecht zu weisen. Der jüdische Liberalismus wird siegen, denn für ihn zeugt die Entwicklung von Jahrtausenden; er muß siegen, denn von nun an gilt auch für unfern geistigen Freiheitskampf das Wort, das Mose dem Aegypterkönige einst zugerufen: „Mit unfern Jungen und Alten wölken wir ziehen!" Zur Gefchidvte der religiösen Aufklärung. Von Max Wiener-Düffeldorf. I. Desoartes. ie menschliche Vernunft hat ihre Lieblingsgedanken; Begriffe, in denen sich ihre eigene Unerschöpflichkeit offenbart. Sie sind nur kleine Ausschnitte aus der unendlichen Fülle des Lebens; aber der Kundige kann an ihnen den Statt*) der geistigen Entwicklung in ihrer ganzen Breite ablesen. Zu diesen Knotenpunkten inr Bewußtsein der Menschheit gehört der Gottesbegrisf. Er war der Fundamentalgedanke des Mittelalters. Da trat der Menschengeist in ein neues Stadium seines Lebens. Die Herrschaft über die Natur auf dem Grunde ihrer Erkenntnis ward die Losung. So verlor die Religion die absolute Macht, mit welcher sie so lange das Kulturbewußtsein geleitet hatte. Sie mußte sich dazu bequemen, das Interesse, das ihr der Mensch bisher unzerstückt entgegengebracht hatte, mit anderen geistigen Mächten zu teilen. Die Philosophie wollte nicht weiter die Magd der Theologie bleiben; die Naturerkenntnis nicht mehr in der gebundenen Route marschieren, welche die Bibel und der gleich einem Halbgott verehrte Aristoteles vor Jahrtausenden abgesteckt hatten. Die Kunst begann sich nach Vorwürfen auch außerhalb des Fimmels der heiligen umzusehen. Das öffentliche Leben, wie es sich in Recht und Staat entfaltete, streifte das Gängelband der Kirche ab und suchte sich an der souveränen Vernunft zu orientieren; das „Naturrecht" gesellte sich zur göttlichen Satzung. Ein ganz neues Weltbild, frei von der Enge und Begrenztheit de^s Mittelalters, entrollte sich vor allen, welche ihren Augen nicht Gewalt antaten. Diese Wandlungen mußten die tiefsten Spuren auch in dem religiösen Bewußtsein eingraben. Aus dem Ruinenschutt der mittel- . alterlichen Gedankenwelt sproßten die Keime der „Aufklärung" empor. Sie hat so manche altehrwürdige religiöse Vorstellung vernichtet; aber ebenso den Gottesglauben von gewissen Beisätzen geläutert, welche die fortgeschrittene Erkenntnis nur als Schlacken empfinden konnte. Die Geschichte der religiösen Aufklärurrg überschauen wir am deutlichsten auf dem Gebiete der philosophischen Entwicklung. Denn die Philosophie ist ein treuer Spiegel der Leistungen und. Interessen des menschlichen Geistes, wir finden sie im modernen Europa auf zwei getrennten Schauplätzen; in EnKfand und auf dem Kontinent strebt sie ihren Zielen auf verschiedenen wegen zu. An der Schwelle der festländischen begegnet s«ne Renö Descartes.