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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 8

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Ar. Goldman«: Zionismus sdrr Liberalismus? Welt der Erfahrungstatsachen abstrahiert werden, und es wird immer wieder irgend eine Nation sich finden, bei der das eine oder andere der so gefundenen Merkmale, wie gemeinsame Sprache, Territorium, Nasse, Geschichte usw., nicht vorhanden ist. Wenn aber auch einige dieser Zeichen fehlen können, eins — und darüber herrscht Einigkeit — muß vorhanden sein, und das ist der Wille zur Nation! Dieser Wille setzt nun unbedingt ein Moment voraus, das den Willen erweckt und wach erhält, nämlich die Eignung zum nationalen Leben. Ohne eine tiefinnerliche Veranlagung ist der Wille nichts echtes und dauerndes, wenn er auch durch starke äußere Reizmittel vorübergehend erweckt werden kann. Diese Eignung fehlt dem Judentums nun gänzlich. Niemals hat unsere Gemeinschaft die gesunde staatenbildende Kraft bewiesen, die entschieden die Grundlage des nationalen Lebens bildet. Wann hat eigentlich die jüdische Nation überhaupt als Staat existiert, was doch die naturgemäße Umsetzung der nationalen Begabung darstellt? Mit Ausnahme der Zeit Davids, die sich in eine Periode hinein verliert, da Geschichte und Sage ineinanderfließen, die zudem aus dem nationalen Elend späterer 'Zeit heraus eine sonnige Verklärung erfahren hat, ist keine, auch keine Gase zu erblicken, die Befriedigung gewährt. Wann bestand denn die freie, große jüdische Nation, von der man immer fabelt? War es der Vasallenstaat der Philister, der Staat, in dem die Herrscher von Aegypten, Assyrien und Babylon schalteten und walteten wie in einer heimischen Provinz? Es gibt zwischen der Zeit Davids und dem Untergange beider Reiche kaum eine staatsmännische Handlung, weder in der inneren, noch in der äußeren Politik, die nicht das Gepräge der Unfähigkeit an sich trägt. Die innere Politik Salomos war ein Beweis seines staatsmännischen Unvermögens, die das Land zur Revolution trieb, die Teilung herbeiführte und dadurch das Reich schwächte, und diese Regierung im Innern vernichtete natürlich alle Erfolge seiner äußeren Politik mit einem Schlage. Des Nordreiches Israel innere und äußere Politik braucht man nur zu streifen; sie ist bei ihrer Schwäche und Inkonsequenz nur groß und bedeutend im Leichtsinn; im Südreiche Juda führt die oft an Verrat grenzende Staatskunst, .die gegen den Bruder Israel den Feind in's Land ruft, schließlich zum Untergange beider Länder, und im Inneren zeigen sich nur dort Erfolge, wo die Politik von der Religion getragen wird und zu ihrer Festigkeit dient. Selbst wenn aber zu irgend einer Zeit etwa Juda oder Israel frei und unabhängig gewesen wäre, welche Bedeutung hätten diese Staaten gehabt? Sie hätten die Rolle von Luxemburg oder Montenegro gespielt, sie würden zu jenen kleinen bedeutungslosen Gebilden gehört haben, von denen in der Weltgeschichte tausende aufgetaucht sind, um ebenso schnell spurlos wieder zu verschwinden. Und war es dann nach dem Exil anders? Juda ist auch da stets ein abhängiger Vasallenstaat mit wechselnden Herrschern. Man denkt freilich hier sofort an den heroischen Aufstand der Hasmonäer, aber der oft unternommene versuch, die makkabäische Erhebungzu einem Ausbruch der nationalen Gefühle des Judentums zu stempeln, ist entweder auf Unkenntnis zurückzuführen oder er stellt eine glatte Geschichtsfälschung dar. Sie ist im Gegenteil ein Beweis dafür, wie schwach an sich die nationalen Instinkte im Judentum entwickelt waren, und wie verderblich es wurde, wenn sie derart aufgepeitscht wurden, daß sie über die religiösen die Oberhand gewannen. Jahrhundertelang hatten die Juden unter der oft drückenden Fremdherrschaft, in deren Zeit ihre Religion innerlich erstarkte, ruhig dahingelebt, und nie war es ihnen in den Sinn gekommen, ib^ Lage als

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