Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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© O O O Ar. Gsldmann: Zionismus oder Fibrrulismus? 7 Erweckung des Selbstgefühls, des Zusammengehörigkeitsbewußtseins mit den Juden des Ostens, und nur darum konnte er festen Fuß fassen, weil die Iudenheit diese Aufgaben stark vernachlässigt hatte. Die Orthodoxie hatte sich in Eigenbrödelei zurückgezogen und hielt alle, die nicht orthodox waren, für Ketzer, der echte Liberalismus war schwach und war belastet mit jener großen Masse von Indifferenten, die die j)fade einer Assimilation gingen, wie sie nicht sein soll, die würdelos sich selbst aufgaben, um der schönen Augen der anderen willen, die nicht merken wollten und konnten, wie wenig der Welt dieses Anschmeicheln imponierte! Ja, die Zeit war und ist noch dem Nationalismus, der solches Gebühren bekämpft, günstig; aber man muß scheiden zwischen theoretischer Grundlage und praktischen Forderungen. Die praktischen Aufgaben des Nationalismus haben an sich auch nicht eine Spur von notwendigem Zusammenhang mit der nationalen Theorie, und wenn wir liberalen Juden nun diese Theorie, die das Judentum in's Unglück und zum Untergange führt, bekämpfen, dürfen wir nicht übersehen, daß wir die Pflicht haben, die oben geschilderten praktischen Aufgaben zu übernehmen und tatkräftig zu fördern. Aufgabe dieser Betrachtungen will es aber sein, nachzuweisen, daß einerseits der Nationalismus, wie er sich heute in der zionistischen Bewegung darstellt, weder im Wesen des Judentums liegt, noch auch historisch nachweisbar ist, daß andrerseits ein Sieg der nationaljüdischenIdeenfürdasIudentum, wie die Weltgeschichte es kennt, und wie wir es lieben, den sicheren Untergang bedeutet. Are rmtionale Srgadung des Judentums. Jeder einzelne Mensch hat seine Individualität, die ihn von der Masse der anderM unterscheidet. Line verständnisvolle Erziehung wird darauf hinausgehen, diese Eigentümlichkeit zu erkennen und zu pflegen, um sie auf die Höhe größter Vollkommenheit und nachhaltigster Wirksamkeit zu erheben. Und wenn man vom „verfehlten Dasein" mancher Menschen spricht, so handelt es sich 'fast stets darum, daß sie über ihre Individualität sich nicht klar waren, ihre Kräfte nach einer ganz falschen Richtung hin versucht und darum Schiffbruch erlitten haben. Nicht anders steht es mit den Völkern! Auch sie haben ihre Individualität, die sie pflegen müssen, durch deren Verkennung sie Schiffbruch erleiden. Und das alte jüdische Volk macht hiervon keine Ausnahme. Fraglich kann es nur sein, auf welchem Gebiete seine eigentümliche Begabung lag, ob — wie wir behaupten — auf dem der Religion oder —wie der Zionismus meint — auf dem der nationalen Betätigung. wo liegt nun die Bedeutung des Judentums? wenn sie auf dem Gebiete nationaler Begabung gelegen hätte, so müßten sich davon doch irgendwo in der Geschichte wenigstens Spuren zeigen. Wenn wir aber hier die Beweismethode des Zionismus anwenden, die für theoretische Ausführungen und logische Erwägungen eine solenne Mißachtung zeigt und alles Heil in der empirischen Beweisführung sieht, so sind die Ergebnisse, wie wir mit ehrlichem Bedauern sagen müssen, geradezu kläglich. Es gibt im Grunde nichts peinlicheres und nichts beschämenderes als die politische Geschichte der jüdischen Nation, soweit es sich eben um die rein nationalen Probleme handelt. was versteht man freilich — und bas muß vovausgefchickt werden — unter „Nation"? Der Begriff ist nicht leicht zu erklären, ja, er ist nicht einmal von denen, die ihn zur Grundlage ihrer Lebensauffassung machen, gehörig definiert worden. Der Grund dafür liegt darin, daß solche Begriffe nicht a priori gebildet, sondern, daß sie aus der