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Liberales Judentum · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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s Ar. Goldman«: Zisnisrnus oder Liberalismus? Iudentumam Scheidewege", und mir spitzte sich auf eine offene Frage zu, die ich in der „Jüdischen Rundscha u", dem Organ des deutschen Zionismus, veröffentlichte und später, als keine Antwort erfolgte, in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" wiederholte. Sie lautet kurz: „Rann man ein guter Nationaljude und dabei ein guter Christ oder ein überzeugungstreuer Atheist sein?" Cs ist mir leider im Laufe der Polemik so ergangen, wie noch jedem, der geglaubt hat, man könne auf vornehmer und sachlicher Basis mit dem Zionismus diskutieren. Anstatt eine sachliche und positive Antwort zu geben, hat man den Streit auf ein persönliches Geriet künstlich hinübergespielt, und ich habe mir die in zionistischen Diskussionen üblichen Verdächtigungen gefallen lassen müssen. Diese Behandlungsweise schafft jedoch die Frage, welche den Lebensnerv des Judentums trifft, noch lange nicht aus der Welt. Denn es handelt sich im letzten Grunde, wenn wir zunächst einmal das Verhältnis des Zionismus zur christlichen Religion außer Acht lassen, um nichts weniger und nichts mehr, als daß wir tatsächlich „a m S ch e i d e w e g e" stehen und uns die folgenschwere Wahl vor Augen steht: Zionismus oder historisches Judentum, Atheismus oder Religion, denn Nationaljudentum und Religionslosigkeit gehören logisch ebenso notwendig zu einander, wie die beiden anderen Begriffe. Und darum muß man eine klare Stellungnahme des Zionismus und eine deutliche Antwort auf obige Frage immer wieder verlangen. Freilich sehen wir, daß der Zionismus hier in eine Zwickmühlenstellung gedrängt ist. will er die Frage verneinen, will er leugnen, daß man als Nationaljude unangefochten Atheist sein könne? Dann sagt er eben eine Unwahrheit, und die Tatsachen des Lebens strafen ihn fortwährend Lügen. Zudem würde er, wie des näheren ausgeführt werden wird, das für unsere Zeit unmögliche Prinzip der Staatsreligion und der Religionseinheit des Staates verlangen. Gibt er aber offen zu, daß man im Sinne des Nationalismus ein guter Jude und trotzdem ein religionsverachtender Atheist sein könne, so ist natürlich in diesem Augenblicke dem Zionismus in den Augen der ganzen denkenden Iudenheit das Todesurteil gesprochen. Eine Verbreitung des Zionismus würde eben für das Judentum unter diesen Bedingungen der Tod sein, wir Nichtzionisten erklären ganz offen, daß wir an einem Judentum, dem die R e l i g i o n nicht erste r, oberster und wichtigster Bestandteil i st, daß wir an einem bloßen Nationalismus kein Interesse haben! Und dies nicht nur aus dem rein theoretischen Grunde^ weil wir den Fortschritt der Rulturmenschheit in einer Milderung des Nationalismus und Chauvinismus erblicken, und darum weder für uns noch für andere einen Vorteil darin sehen, der Welt noch eine Nation zu schenken, die an Bedeutung, Rulturfähigkeit und Macht einem der kleineren Raubstaaten des Balkan gleichen könnte! Denn ebenso wichtig ist, daß wir weiter sehen und aus der Geschichte genau wissen, wie sehr dev jüdische Nationalismus ein Rind dieser allgemeinen chauvinistischen Bewegung ist, die gegenwärtig auf unserem gesamten Rulturleben so schwer lastet und nach dem Urteil aller denkfähigen Menschen kulturfeindlich und vergiftend wirkt, wie unser Nachbarstaat Oesterreich schlagend beweist. U)ir wissen,, daß eine neu anbrechende Zeit des Universalismus auch den Nationalismus der Juden ebenso schnell wegschwemmen wird, wie er entstanden ist. wir wissen sehr wohl, was dem Nationalismus außerdem den Weg gebahnt hat. Ls sind seine praktischen Forderungen, die Wiederherstellung des Linheitsbewußtseins in der gesamten Iudenheit, foie

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