Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 e e o« Ar. Saeck: Judentum und Juden der Sklaverei und der Folterkammer, mit dem Despotismus und der Leibeigenschaft, und die Kirchengeschichte erscheint bisweilen bloß als eine Geschichte solcher Kompromisse. Aber diese kluge Doktrin hat auch immer nur dazu geführt, daß jeder Fortschritt gehemmt und jeder Rückschritt vertragen worden ist. In der Politik, dem Gebiete des möglichen Nutzens, mag diese Lehre vom modus vivendi ihren jAatz haben; den Fragen der Ueberzeugung, diesem Bezirk des Gewissens, muß sie fernbleiben. Wenn das Judentum seine Bekenner zu Männern jedes geistigen und sozialen Fortschritts erzogen chat, so hat -es dies nur deshalb vermocht, weil es den klugen Rat immer abgelehnt hat, daß manche Vorstellungen sich vollkommen vertragen können. Im Stande sein, zu kompromittieren, mag oft bequem fein und auch vorteilhaft; sein Gewissen behaupten, ist dafür religiöser, und wie der Jude sagen wird, jüdischer. Aber jener bequeme weg, so sagt Professor Köhler, soll zur Assimilatton hinleiten, diese sei bedingt durch den Uebertritt zum Protestantismus. Gder nicht lieber zur katholischen Kirche? Wenigstens würde ein Ratgeber etwa aus dem Münsterland oder aus Tirol das behaupten, und es mit größerem Rechte behaupten, denn der katholische Glaube ist in dem weiten Gange der Zeiten doch noch ganz anders mit dem deutschen Volke und dem Deutschtum verwoben worden, als der protestantische. Nach dem Grundsatz, den Professor Köhlers Artikel feststellt, müßte der Jude also, mindestens im südlichen Deutschland, um als deutsch zu gelten, erst einmal die Heiligenverehrung und den Reliquiendienst, den Glauben an die päpstliche Unfehlbarkeit und an die Macht der Absolution annehmen, wenn er das glaubt, so kann er, kraft dieses Grundsatzes, ein ganzer Deutscher sein; glaubt er aber nur an die Einheit Gottes und sein Sittengebot, nur an die freie Versöhnung und Erlösung aller Menschen, so kann er dazu nicht als berufen gelten. Professor Köhlers Aufsatz faßt die Assimilation eben rein mittelalterlich auf, mit den Gedanken der Zeit, die den Anspruch erhob : „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe!" Schon seit der Reformation, seit die Worte Kirche und Christentum aufhörten, eindeutig zu sein, hat diese Anschauung ihren eigentlichen Inhalt verloren, und sie ist vollends unhaltbar geworden, seit das Zeitalter der Aufklärung damit begann, an die Stelle der alten kirchlich geleiteten Kultur die neue, weltliche zu setzen. Line einheitliche christliche Gesellschaftsgrundlage, deren sich das Mittelalter vielleicht rühmen konnte, gibt es nicht mehr. Heute besteht die Assimilation in dem Eintritt in die Kultur-, Rechts- und Arbeitsgemeinschaft, die geistige wie die materielle, und der sich daraus ergebenden Gleichberechtigung, und diese dreifache Gemeinschaft, die die organische Verbindung der Einzelnen im Staatsganzen bewirkt, ist heute durchaus interkonfessionell und unkonfessionell. Ein Jude, der den angeratenen Uebertritt von wegen der Assimilation vollzöge, verleugnete damit also auch den Geist der Gegenwart und wendete sich zur mittelalterlichen Anschauung wieder zurück. Es ist Vorzug und Wesen der modernen Kultur, daß sie die Minderheiten zu schätzen weiß. Ihr wert gründet sich auf den Wert des Willens zur Individualität, zur eigenen Persönlichkeit, dieses Willens, auch ein Andersdenkender zu sein. Das bringt ihr den Reichtum, daß die Fülle der Eigenart sich in ihr zusammenfinden darf. Große Leistungen, die die Menschen weitergebracht haben, sind überhaupt nie durch die vollbracht worden, die in der großen Zahl aufgehen wollten und sich assimilierten, indem sie sich aufgaben. Das ist auch gerade ein wesentlicher Teil der Sendung, die das Judentum in seiner Geschichte erkennt, daß es gegenüber der Ueberschätzung