Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Küch erschau Vervollkommnung handeln beispielsweise die Abschnitte mit der Ueberschrift: „von der Sünde, von der Arbeit, von der Wohltätigkeit, von der Sittlichkeit, von der Gesellschaft, von den Sitten", von der Gottesverehrung die Abschnitte „von den Festtagen, vom Gottesdienst". Der zwölfte Abschnitt ist der Aufgabe Israels in Gegenwart und Zukunft geweiht. Die Lehre von Gott stellt der Abschnitt „von der Schöpfung" dar —. Aber nirgends sind es trockene Aufzählungen, Aneinanderreihungen von Paragraphen wie in einem Lehrbuchs, sondern zumeist spricht die heilige Schrift, sprechen die Rabbinen des Talmuds mit ihren eigenen Worten — geschickt verwoben in die lebendige, liebenswürdige, anziehende, gemütvolle Darstellung des Verfassers. Der Hauch der Poesie lagert über dem Buche, ihr Duft strömt aus jedem Blatte, und der gelehrte Verfasser, der die Hagada der Alten so geschickt zu verwenden, so anmutig wiederzugeben weiß, zeigt sich selbst als einen Meister des Midrasch, von hervorragender Schönheit ist die Würdigung, die er dem Sabbat und den Festen Israels zu Teil werden läßt. Wer auch nur einen Hauch des Geistes verspürt, den Stein in ihnen aufweift, von dem sollte man meinen, daß er und sein Haus für immer dem jüdischen religiösen Leben gewonnen sei. Auch den unvergänglichen hohen sittlichen Gehalt der Vorschriften und Bräuche, die längst nicht mehr beobachtet werden, vielleicht nie beobachtet wurden, stellt Stein überzeugend dar. So redet er über den Gpferdienst, über das Lrlaßjahr und das Jubeljahr, über Sklaven und Fremdlinge, er zeigt den Geist der Liebe, der alle Gebote der Thora durchzieht, ob sie nun das verhalten gegen den Nebenmenschen oder gegen Tiere oder Bäume regeln, er schildert die mosaische Staatslehre und den Gottesstaat. Raum eine Vorschrift der Thora bleibt unberücksichtigt. Gelegentlich finden sich auch Belehrungen über die Entstehung einzelner Vorschriften, Zeremonien un) Gebräuche, so über den Gpferdienst, über die Thoravorlesung, die Haftarah und die religiösen Vorträge (predigt) mit wertvollen Anweisungen für den Prediger. Welch herrliche Lehren knüpft Stein, immer in den Spuren der Alten wandelnd und ihre Worte gebrauchend, z. B. an die Vorschrift „und vor dem Blinden sollst du keine Falle legen"? Wie eindringlich sind die Mahnungen, der Sabbatfeier im Haus die gebührende Stätte zu bereiten, die er an die Frauen richtet! Die Abweisung der Verlegung der Sabbatfeier ist nicht der einzige Punkt, wo Stein direkt in die Gegenwart und ihre verschiedenartigen Bestrebungen zur Hebung des Judentums eingreift. Für ihn besteht die Hebung des Judentums in der Durchdringung des. Alten mit modernem Geiste, in dem Festhalten des hohen sittlichen Geistes des Judentums, wo die Form der Zeit und den veränderten Anschauungen weichen muß. Er verteidigt das Judentum nicht bloß gegen seine Gegner in der eigenen Mitte, die durch Unwissenheit und Gleichgültigkeit von ihm, seiner Wertschätzung und Uebung ferne gehalten werden, sondern auch gegen die Feinde von außen, die durch die wahrheitsgetreue, vorurteilslose Darstellung der Lehren des Judentums ihrer Irrtümer überführt werden sollen. In dieser Beziehung sind besonders hervorzuheben die Partien, welche von den Geboten der Nächstenliebe handeln, von der Universalität des Judentums, von der Würdigung des Christentums und seiner Mission, von der Zukunft der Menschheit u. a. Es darf wohl noch einmal betont werden, daß Stein zumeist die Gebote der jüdischen Religion und die Lehren der Rabbinen im Wortlaut wiedergibt, so daß jeder Unbefangene zu erkennen vermag, daß er nichts in sie hineinlegt, was sie nicht besagen. Einzelne Abschnitte sind nur eine wörtliche Aneinanderreihung verschiedener agadischer Aussprüche aus dem Talmud und Midrasch; ihre Auswahl ist geschickt, ihre Zusammenstellung ungemein wirkungsvoll. Die Wiedergabe der auch aus anderen Sammlungen bekannten Anekdoten und Gleichnisse usw. zeichnet sich durch die schöne geschmackvolle Darstellung besonders aus. Ich wüßte diesem Buch kein zweites an die Seite zu stellen, das so angenehm und genußreich über das Judentum belehrt und so einschmeichelnd für das Judentum zu werben und zu wirken vermag. Es ist ein Buch, das den Gelehrten und Ungelehrten in gleicher Weise befriedigt, das dem Erwachsenen und der Jugend gleich verständlich ist und in gleicher Weise auf das