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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 259

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 259 (sequence 19)
Language
German
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o o o o Süchrrschau 259 prophetischen Humanität erweist. — Lin Vorzug des Werkes ist die so gut gelungene Milieuschilderung. und die typologische Charakteristik. Besonders drastisch wirkt die Zeichnung der sogenannten modernen Juden, die das Wesen der Moderne nur in einer ausschließlich materialistischen Weltanschauung erkennen, aber auch 'darin sich so schwach und feige zeigen, daß bei der geringsten Gefühlserschütterung ein Rückfall in den ältesten Traditionsglauben ebenso wahrscheinlich ist, wie eine völlig kritiklose Hingabe an die Apostel des Renegatentums. wir wollen freilich nicht verhehlen, daß die Einheit der Idee noch besser zur Geltung käme, wenn der Vertreter des prophetischen Judentums als reifer Kämpfer den Anhängern der Tradition entgegengetreten wäre, wir erwarten darum, daß uns Borchardt in seinem folgenden Werk einen wirklich auf der Höhe stehenden j)rophetenfuden in seinem Kampfe gegen kritiklose pietät vorführen wird. Auf alle Fälle aber bleiben wir ihm für seine Lrstlingsleistungen dankbar. Sie bilden zweifellos ein geeignetes Mittel für die Popularisierung des prophetischen Judentums. Nabbinrr Ar. Leopold Stein: „Die Schrift des Lebens". Dritter Teil: „Der weg oder die Weisheit der Rabbinen". Gesetz und Sitte im Judentum nach Bibel und Talmud darstellend. Aus seinem Nachlaß herausgegeben von Rabbiner Dr. T. Selig mann, Frankfurt a. M. I. Aauffmann. J9{0. Im vorigen Jahre widmete der Herausgeber dieses Buches seinem Vorgänger auf dem Rabbinatssitze der Frankfurter Gemeinde zur Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages in der „Frankfurter Zeitung" einen Gedächtnisartikel, in welchem er zur Herausgabe der gesammelten Schriften Leopold Stein's als der würdigsten Feier seines hundertsten Geburtstags aufforderte. Die Familie Leopold Stein's übergab ihm darauf dessen handschriftlichen Nachlaß, und er fand unter demselben den vorliegenden dritten Teil der „Schrift des Lebens" fast druckfertig vor. Ls blieb ihm nur wenig zu ergänzen und zu feilen, und wir verdanken ihm den von allen Freunden und Verehrern Stein's schmerzlichst vermißten und sehnlichst erwünschten Abschluß des großen wertvollen Werkes. Mit der Herausgabe dieses Buches hat sich aber Seligmann nicht bloß den Dank aller Besitzer der beiden ersten Teile der „Schrift des Lebens" verdient, sondern hoffentlich den Anstoß zur Neuauflage des ganzen Werkes gegeben. Denn die „Schrift des Lebens" ist heute noch einwertvolleswerk und vermag alle diejenigen ausreichend zu belehren, die sich über das Judentum, feine Lehre, sein Verhältnis zum Christentum, seine Geschichte, seine unvergängliche Bedeutung und seine Zukunft unterrichten wollen. Stein gehört zu den positiv-historischen Reformern. Ihn erfüllt aufrichtige Liebe zum Judentum und glühende Begeisterung für seine Lehre. Lr will nicht zerstören, er will erhalten, was nur zu erhalten ist, und verfolgt das hohe Ziel, dem Judentum auch in der Gegenwart die Liebe und die Anhänglichkeit seiner Bekenner zu sichern. Das ist ja auch das Ziel der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" und darum möchte ich Stein's „Schrift des Lebens" ein Hausbuch nennen, das in keinem liberalen jüdischen Hause fehlen dürfte, freilich nicht als Bereicherung des im Schranke prangenden Bücherschatzes, sondern zu eingehendem Studium. Da die Neuherausgabe der vergriffenen beiden ersten Teile der Schrift des Lebens in Aussicht gestellt ist, so kann man in dem Erscheinen des dritten Teils wohl einen verheißungsvollen Anfang der praktischen Wirksamkeit der liberalen Vereinigung erblicken, von der man nicht mit Unrecht erwartet, daß sie endlich auch etwas positives schafft und ihren Anhängern zeigt, wie sie sich als m oderne Juden zu führen und zu betätigen haben. was in den beiden ersten Teilen der „Schrift des Lebens" entwickelt, wissenschaftlich begründet und rein belehrend dargestellt ist, das gibt der dritte Teil in erbaulicher Form. Da fehlt nichts, was zum „jüdischen Leben" gehört, da ist die Glaubenslehre, da ist die f)flichtenlehre auf allen Gebieten, die sie umfaßt, eingehend behandelt. Von der Selbstveredelung und

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