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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 258

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 258 (sequence 18)
Language
German
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258 Küchrrschau o o o o wissenschaftlicher Forschung und einer der größten Gelehrten, und Mannheimer als der berühmte Prediger der wiener Gemeinde. Die Gottesdienste wurden von Hunderten aus den gebildeten Kreisen der Berliner Iudenheit besucht. Die Regierung dagegen war für keine Neuerungen irgend welcher Art. Offenbar war die Unzufriedenheit gebildeter Juden mit ihrem ererbten Glauben dem Könige angenehm, denn sie führte häufig zu einem verlassen des Judentums und der Annahme des Christentums. Sodann waren die Rabbiner der alten Schule und ihre Anhänger nur zu gern bereit, die Regierung gegen die Reformer anzurufen. Diese hatten keine Organisation geschaffen, sondern nur Privatgottesdienste in Privathäusern abgehalten, wobei jeder Teilnehmer willkommen war. Aber lange blieben sie nicht unbehelligt. Im Jahre befahl die Regierung, alle Privatsynagogen zu schließen. Das war der erste entschiedene Sieg der Anhänger des rabbinischen Judentums. Der Befehl richtete sich gegen die beiden Privattempel von Jacobson und Beer. (Fortsetzung folgt.) bückerlcbau. Jur Srllrtristik des liberalen Judentums von B. Kellermann-Berlin. In der Erkenntnis, daß die beste poxularifation der Gedanken in ihrer poetischen Darstellung liegt, haben sich von jeher Dichter und Denker die Hände gereicht. Aus diesem Grunde begrüßen wir es, wenn neuerdings poetische Erzeugnisse hervortreten, die den Tendenzen und Prinzipien des liberalen Judentums gerecht zu werden versuchen. Isidor Borchardt hat es unternommen, in seinen Novellen: „Der Am-Hoorrz" und „Die schwarze Thaje" eine Lanze für das liberale Judentum einzulegen. In dem ersten Buche handelt es sich um den Konflikt zwischen Tradition und Modernisierung des Kultus. Auf der einen Seite stehen die naiven Anhänger der Tradition, die in jeder Modernisierung des Kultus eine Anlehnung an das Christentum erblicken, auf der anderen Seite die Modernen, denen es keineswegs um Assimilationsgelüste zu tun ist, die vielmehr durch eine lebensfrische und lebenswarme Ausgestaltung des Alten, die Harmonie zwischen Pietät und Fortschritt erstreben. Dabei ist das Erzählte von wirklicher Humanität und Toleranz getragen. Unzweifelhaft stehen wir mit unserer Sympathie und unserer Gesinnung auf seiten der Modernen, aber auch die Gegner sind mit soviel Liebe und Teilnahme geschildert, daß man nur wünschen kann, recht viele solcher Alten zum neuen Leben bekehren zu können. — In dem zweiten Buche: „Die schwarze Chase", handelt es sich nicht mehr um den Konflikt zwischen alten: und neuem Kultus, sondern um den zwischen traditioneller und prophetischer Weltanschauung. Auf der einen Seite erblicken wir die Armen und Elenden, die in unerschütterlichem Hingabe an ihrem ererbten Judentum festhalten, auf der anderen Seite stehen die Reichen und Modernen, denen das traditionelle Judentum mit seinen Schätzen an Reinheit und Edelmut als überwunden gilt. Da entsteht das große Problem: wird es diesen Reichen und Modernen gelingen, den Armen und Elenden, den Treuen des Stammes, eine Weltanschauung entgegenzusetzen,! die der alten nicht nur gewachsen ist, sondern sie an Gehalt noch übertrifft? Man sollte diese Frage schon deshalb bejahen, weil sich die Vertreter der Reichen und Modernen als die Nachfolger der Propheten betrachten. Dennoch schwankt lange das Zünglein zugunsten der Armen. Wilhelm Stein, der Sohn des Reichen, liebt die Schammestochter, muß aber erst durch die scheinbar kulturfremde schwarze Chase an seine prophetische Pflicht der Treue erinnert werden, bis er sich wirklich als wahrer Mensch betätigt. Scheinbar hat also das traditionelle Judentum gesiegt, aber auch nur dem Scheine nach. Der Verfasser will uns in Wilhelm Stein keinen fertigen Mann zeichnen, sondern einen mit sich selbst ringenden Jüngling, der erst im Laufe seiner Entwickelung aus den prophetischen Worten die prophetische Tat hervorauellen läßt. Er ist zuerst so ein rechter Vertreter eines gewissen Mund- und Phrasenliberalismus, der mit dem prophetischen Programm kokettiert, aber vor jeder Verwirklichung des Programms im religiösen und sittlichen Leben ängstlich zurückprallt. Aber allmählich nehmen die prophetischen Worte der Treue auch vom Herzen unseres Melden Besitz, bis er sich schließlich als wahrer Vertreter dev

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