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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 257

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 257 (sequence 17)
Language
German
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o o o o Nr. David PhiLipssn: Air Reformbewrgung im Judentum 357 drücken beseitigte der Lmanzixationserlaß die Beschränkungen und Rechtsverletzungen, unter denen die jüdischen Einwohner des preußischen Staates Jahrhunderte lang hatten leiden müssen. Er bezeichnet^ sie als Einheimische und erhob sie zu dem Range preußischer Bürger unter der Bedingung, daß sie Familiennamen annehmen und sich im täglichen Leben und bei ihren Geschäften der deutschen oder einer andern lebenden Sprache -an Stelle des Jargons bedienten. Er gab ihnen die Erlaubnis, sich überall im Lande niederzulassen und Grundeigentum zu erwerben. Er erklärte sie für fähig, m Lehrerstellungen und in städtische Aemter gewählt zu werden. Alle gewerblichen Beschränkungen wurden abgeschafft, desgleichen alle besonderen Abgaben, die sie als Juden hatten zahlen müssen. Dafür hatten sie alle Bürgerpflichten auf sich zu nehmen, wie Steuern und Heeresdienst. Die rabbinische Gerichtsbarkeit sollte aufhören. Ls war zwar auch eine Reihe hemmender Paragraphen vorhanden; aber die allgemeine Tendenz des Erlasses war in so hohem Grade freiheitlich, daß es nicht überraschen darf, wenn die Berliner Juden in ihm ihre „magna charta1erblickten. Die Aeltesten der jüdischen Gemeinde, David Hirsch, Bendix, Friedländer und Gumpertz, richteten ein Dankschreiben an den Königs) Die religiösen Angelegenheiten der Juden wurden allerdings durch den Erlaß nicht weiter berührt, als in betreff der Aufhebung der rabbinischen Gerichtsbarkeit; ausdrücklich überließ der Erlaß die Kultusangelegenheiten und die Erziehung der Juden einer späteren Regelung. „Für die Ausarbeitung der den Kultus betreffenden Gesetze sollten Juden, die wegen ihrer Kenntnisse und Rechtschaffenheit das öffentliche Vertrauen genießen, zugezogen werden".63) Hier finden wir nun wieder, wie'in Westfalen, daß mit der Erlangung der bürgerlichen Gleichstellung tatkräftige Bemühungen um religiöse Emanzipation begannen. Kurz nach Veröffentlichung des Emanzipationserlasses gab David Friedländer eine Broschüre heraus unter dem Titel: „Ueber die durch die neue Organisation der Iudenschulen in den preußischen Staaten notwendig gewordene Umbildung ihres Gottesdienstes in den Synagogen".^) In dieser Broschüre stellte er die Gesichtspunkte auf, unter welchen die religiösen und pädagogischen Angelegenheiten der Juden behandelt werden müßten. Mit besonderem Nachdruck hob er die Notwendigkeit einer Neuorganisation der Schulen und einer Reform des Gottesdienstes hervor; die letztere 52) Ludwig Geiger: Geschichte der Juden in Berlin. S. 145. Berlin 1871. 53) Grätz: Geschichte der Juden. 11. Band. S. 317 i*) Berlin, 1812. sollte hauptsächlich in der Abschaffung aller Gebete mit jüdisch-nationaler Färbung und in der Einführung des Deutschen als Gebetsprache bestehen. Diese Veröffentlichung fand jedoch bei den rabbinischen Juden, welche jedweder Aenderung im Ritus und in den Gebräuchen abhold waren, entschiedene Rlißbilligung. Der König, welchem Friedländer eine Abschrift der Broschüre unterbreitet hatte, beabsichtigte, dem Verfasser in dem Sinne zu antworten, daß er seinen Vorschlägen unter der Bedingung Beachtung schenken wolle, wenn dieselben keine Neuerungen in sich schlössen. Friedrich Wilhelm war in Wirklichkeit ein Reaktionär; er wurde von dieser Beantwortung nur durch Hardenberg zurückgehalten, der ihm die verdienstlichen Punkte in Friedländers Programm zeigte. Aus diesem Grunde wurde das Verbot der Einführung von Neuerungen nicht erlaffen. Es war indessen nur aufgeschoben und erschien nach Hardenbergs Tod. Der erste wirksame Schritt zu einer Reform in Berlin wurde s8s5 unternommen. In der preußischen Hauptstadt wurde die Resormbe wegung, gerade so wie in Westfalen, von gemeinnützigen Männern des praktischen Lebens eingeleitet. Auch ging hier wie dort die Bewegung ans dem Wunsche hervor, dem öffentlichen Gottesdienste eine schickliche und verständliche Form zu geben. Israel Jacobson, welcher von Kassel nach Berlin gezogen war, richtete einen solchen Gottesdienst am wochenfeste 1^81(5 bei Gelegenheit der Einsegnung seines Sohnes in seinem eigenen Hause ein; dieser Gottesdienst war von Orgelmusik und Lhorgesang begleitet, es wurde eine deutsche predigt abgehalten und Gebete in der Landessprache verrichtet. 65> Da der Raum in Jacobsons Hause nicht für alle ausreichte, die sich an dem Gottesdienste zu beteiligen wünschten, so richtete Jacob Herz Beer, ein reicher Banquier, der Vater des berühmten Komponisten Meyerbeer, in seinem Hause einen ähnlichen Gottesdienst ein. ß6> Die predigten wurden von talentvollen jungen Männern gehalten, Isaak Auerbach, Eduard Kley, Leopold Zunz, Isaak Noa Mannheimer und T. S. Gunsburg, von denen drei in späteren Iähren achtunggebietende Persönlichkeiten wurden.57> Kley als einer der Gründer und Prediger der Reformgemeinde in Hamburg, deren Geschichte bald erzählt werden wird. Zunz als Meister jüdifch- 55) Sulamith, n, S. 66. 56) Daselbst. S. 68. 57) Das erste ganz in deutscher Sprache abgefaßte jüdische Gebetbuch wurde 1817 von zwei dieser jungen Männer, Kley und Günsburg, herausgegeben. Der Titel lautete: „Die deutsche Synagoge oder Ordnung deS Gottesdienstes für die Sabbat- und Festtage des ganzen Jahres zum Gebrauche der Gemeinden, die ' sich der deutschen Gebete bedienen.* Berlin, 1817.

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