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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
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Ar. H. Föb: Gedanken über den Religionsunterricht 355 Fleisch und Blut zu schildern. Offizielle Tugendbolde langweilen — nicht bloß — die Rinder; erst wenn sie merken, daß man ihnen von Menschen erzählt, erst dann bekommen sie Vertrauen und Glauben auch an die moralischen Werte, die nun mit Takt und Feinheit aus dem Lebensgange der Persönlichkeiten gezogen und mit den Erlebnissen und Erfahrungen der Rinder in Beziehung gesetzt werden müssen. Noch härter würde der Ronflikt bei oberflächlich moralischer Akzentuierung in der Oberstufe. Hier sind die Schüler reifer und empfänglicher für moralische Probleme; drum müssen diese um so vorsichtiger behandelt werden. Mir dürfen ihnen nicht einreden wollen, daß in der Geschichte Lohn und Strafe auf Tugend und Sünde so prompt wie eine Maschine reagieren. Die Auffassung der Weltgeschichte als eines Weltgerichts soll sich ihnen tief einprägen als Ergebnis oder noch eher als Erlebnis der Geschichtsstunden, die Härten aber im Einzelnen und die Schwierigkeiten, die sich einer moralischen Beurteilung oft entgegenstellen bei den Fragen nach dem Verhältnis persönlicher und politischer Tugend, der Macht und des Rechts — die mögen ihnen nicht verdeckt bleiben. Eine Geschichtsdarstellung denke ich mir ungefähr so: Zunächst wird aus der Zeitgeschichte die jüdische erklärt; wie weit sie mit den Strömungen geht, wo sie sich scheidet; aus dieser allgemeinen Grundlage nun wird die betreffende Persönlichkeit, die man gerade behandelt, herausgearbeitet, ihre besonderen Züge, ihre Verbindung mit der Vergangenheit und Gegenwart, ihr Hinausragen in die Zukunft scharf hervorgehoben und besonders der Ton auf die Werte gelegt, mit denen sie den geistigen Bestand der Menschheit erweitert hat. Natürlich fallen dabei viele Namen weg, was aber weiter kein Schaden sein dürfte. Bei einzelnen Tatsachen ist wiederum nicht so sehr die Tatsache wichtig als der Gedanke, der ihr zu Grunde liegt; so z. B. wird man sich kaum lange bei der aristotelischen Weltanschauung des Moses Maimonides aufhalten, als vielmehr bei der entscheidenden Idee: der Bemühung das theoretische Weltbild der Religion in Einklang zu halten mit der zeitgenössischen Wissenschaft. Bei dieser Art der Betrachtung, die das Judentum nicht völlig isoliert von der Staats- und Rulturgeschichte seiner Zeit behandeln will, wäre dann noch ganz besonders zu zeigen, wie sich die jüdische Psyche in den Verschiedenen Zeiten und Völkern gewandelt, was sie angenommen hat, wo sie sich gleich geblieben ist, in welcher Weise das spezifisch „Jüdische" in Geltung tritt, ob es überhaupt eine einheitliche jüdische Psyche gibt, die wir allen Variationen zu Grunde legen dürfen. — So würde die Geschichte einen lebendigen, systematischen Zusammenhang erhalten, ohne daß man sie vergewaltigt; in einem ununterbrochenen Fluß würde sie sich darstellen, in frischer Farbe und Anschaulichkeit vorüberziehen, in Relation mit der Gegenwart bleiben. Noch kurz eine heikle Frage: Sind die Wunder mit den Rindern zu behandeln? (Natürlich trifft die Frage nur die, die an Wunder nicht glauben.) Sollen wir dem Rinde etwas einprägen, was evtl, derselbe Lehrer ein paar Jahre später nicht anerkennt? Vielleicht ist die Frage aber so falsch gestellt; vielleicht handelt es sich nicht darum, ob wir die Wunder, sondern wie wir sie vortragen sollen. Es würde sie wohl kein Lehrer verwerfen, wenn es Märchen wären. Das heißt aber: die Bedeutung liegt nicht nach der wissenschaftlichen, vielmehr nach der poetischen Seite. Man muß sie so erzählen, daß der religiöse Grundton nicht auf dem äußeren Geschehnis, sondern auf der Gemütsseite ruht; das Gefühl der Demut und Abhängigkeit, des Vertrauens und Höffens soll geweckt und gestärkt werden. Diese Grund-

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