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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 254

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 254 (sequence 14)
Language
German
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254 Pr. H. Füd: Gedanken über den Religionsunterricht o 0 0 o echte Sehnsucht nach Religion verbirgt, daß das veränderte Weltbild vielen religiösen Begriffen eine neue Fassung geben wird, warum sollen wir denn die Religion als ein unbedingt Fertiges hinstellen, das von allen anderen Kulturgebieten gleichsam durch eine chinesische Mauer getrennt ist. werden uns die Schüler nicht mehr Vertrauen schenken, wenn wir auch einmal sagen, wir wissen das nicht, als wenn wir für alles eine Antwort parat haben? Daher auch nicht mit Gewalt ausgl eichen, wo wir keinen Ausgleich sehen. Line wirkliche Versöhnung, die nicht bloß Scheinfrieden sein, sondern dauernden Bestand haben will, kann erst zustande kommen, wenn die Gegensätze nach allen Richtungen klar und scharf erkannt und anerkannt sind. Dann erst kann die Arbeit beginnen, diese Gegensätze zu überbrücken. Die Schüler sollen erkennen, daß Religion kein Quietismus ist, daß ein Geschlecht nicht auf den Lorbeeren des andern ausruhen darf, daß vielmehr jede Generation und jeder Einzelne seine Religion sich erarbeiten muß, daß sie selbst an dieser Arbeit gerade jetzt mithelfen können und müssen; es muß erreicht werden, daß auch die, die später religiös indifferent werden, doch der Religion die Achtung nicht versagen: die Ehrfurcht vor der Sache soll ihnen erhalten werden. Das aber wird nur erreicht durch den offenen Hinweis auf alle Fragen und damit auf die Größe und würde der Aufgabe. Es ist hier nicht der Platz auf einzelne Fragen und deren Lösung einzugehen. Das gehört in ein systematisches Buch der Religionslehre. Was hier betont werden sollte, ist: über die Gegenwart nicht einfach jammern, sondern ihre Richtungen und Ziele erkennen, und sie mit denen der Religion vergleichen. Den Gegnern den Vorwurf nehmen, man verdunkle, dieweil man einen Zusammenbruch fürchte; den Schülern durch Erörtern der Probleme und durch Eingehen auf Fragen, die sie stellen, Zutrauen einflößen. Den wert der Religion können wir ihnen nicht ziffernmäßig beweisen; so wenig, wie etwa den der Kunst; sie müssen ihn nacherleben in der Geschichte und in den religiösen Persönlichkeiten. So mag man denn neben den Psalmen und Propheten und zu deren Verdeutlichung auch hie und da Kapitel aus den Bekenntnissen der Männer, die uns zeitlich näher stehen, vorlesen. II. Der Geschichtsunterricht soll — das dürfte kaum ernstlich bestritten werden — neben der pflege der positiven Kenntnisse die Liebe zum Judentum wecken und erhalten. Gder vielmehr, es soll aus den geschichtlichen Tatsachen diese Liebe von selbst erwachsen, womit einer tendenziösen Darstellung in keiner Weise das Wort geredet wird. Zm Gegenteil: Gerade die moralischen Zensuren möge man dringend vermeiden. Denn das verfängt nicht bei Kindern und nicht bei Erwachsenen, wo es nur Engel und Teufel gibt, da fehlt der Mensch. An dem aber haftet unser ganzes Zntereffe. Daher sind die Menschen menschlich zu schildern: David z. B. darf nicht in erster Linie der „fromme" Psalmensänger sein; der gewaltige Herrscher und Staatengründer, der kluge Diplomat und treue Freund, der schwache Vater; seine jähe Leidenschaft und tiefe Reue — wenn die Bathsebaerzählung überhaupt in den unteren Klassen erzählt werden soll —: all' das anschaulich vorgetragen, packt auch die Kinder mehr als ein Charakterbild, in dem seine Züge nach einem moralischen Schema zurecht gemodelt sind. Um einem evtl. Einwand zu begegnen: das, sittliche Moment soll nicht ausgeschaltet werden, es soll nur nicht als Etikette über den einzelnen Geschichten stehen. Auch nicht in der Unterstufe. Auch da sind die religiösen Melden als Menschen mit

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