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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 252

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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252 Liberaler Kultus kommen. Wir werden die Sabbatlichter nicht abschaffen, obgleich sie auf dem Lichtverbot beruhen (s. o.), das wahrscheinlich der Liberalismus aufheben wird (s. u.). So werden wir auch das Tallis, von dem wir ausgegangen sind, nicht abzuschaffen brauchen, obgleich seine ursprüngliche Bedeutung ja für uns ganz unbrauchbar geworden ist; in der Synagoge bedarf es ja nicht der Abmahnung von Sünde! Aber die Uebersetzung „Gebetmantel" zeigt schon die Richtung, in der seine Bedeutung für uns liegen wird: Als Umhüllung ist er ebenso wie die Kopfbedeckung das Symbol der Ehrfurcht vor dem höchsten (natürlich müßte er dann auch als Umhüllung getragen werden), — wenn man ihn nicht als „heiligen Schmuck" zu Ehren des Königs, als „Feierkleid" anfehen will. Ehe wir einen Kultbrauch verwerfen, haben wir eben sorgfältig zu prüfen, ob er nicht für die spontane Religiosität verwertet werden kann. Denn wie schon, gesagt, nicht das Minimum, sondern das Maximum von Kultus festzustellen, ist die Aufgabe unsres „liberalen" Judentums. Daher sind bei der Auswahl auch nicht bloß etwa biblische oder.talmudische.Bräuchezuberücksichtigen. Gerade die M i n h a g i m des Mittelalters stehen oft unserm Empfinden am nächsten! Wer möchte E^ute z. B. den Brauch der //Fahrzeit" entbehren, der erst am Ende des Mittelalters aufgekommen ist (wie der Mortlaut Iore Deah 376, H Anm. lehrt)! Ja wir dürfen sogar noch weiter gehen und die Forderung aufstellen: Der Liberalismus wird nicht nur neue Bedeutungen für alte Bräuche, er wird sogar neue Bräuche erfinden, — wenn anders er kraftvoll lebendig ist. Natürlich 'kann er sie nicht vom grünen Tisch aus diktieren; sie müssen aus dem Empfinden des Volkes heraus wachsen, entstehen. Aber es wäre doch gut, wenn die Organisation des Liberalismus den Mut fände, dem laisssr aller etwas nachzuhelfen. Wie der Versöhnungstag erst durch die f)iutdichter sein heutiges Charakteristikum erhalten hat, daß er uns den ganzen Tag in der Synagoge festhält — auch jetzt noch, nachdem die j)iutim großenteils wieder gestrichen sind —; wie das Thanuckahfest in unfern Tagen eine früher ungeahnte Bedeutung erhalten hat durch die unserer Zeit eigentümliche Betonung des Geschichtlichen; so sollte der Liberalismus auch andre Bräuche mit bewußter Absichtlichkeit ausbauen. In welcher weise das geschehen kann und muß, möge ein Beispiel lehren, das mir einmal zu Dhren gekommen ist. Da hat eine auf radikalstem Standpunkt stehende Dame ihren Sohn am versöhnungstage von einem mündlichen Examen zurückgehalten und ihm so das Martyrium auferlegt, ein halbes Jahr länger die Schule zu besuchen. Das ist ein charakteristisches und nachahmenswertes Beispiel echter spontaner Religiosität. Der Orthodoxe hatte im gleichen Falle das Recht, feine spontan-religiöse Neigung zu gleicher Handlungsweise (die auch er sicherlich hat) zu unterdrücken; denn er braucht nur dem geschriebenen Gesetz zu gehorchen, das ihm ja schon genug Lasten auferlegt. Nicht so der Liberale! Er hat dem ungeschriebenen Gesetz seines Herzens allein zu gehorchen, das ihm auch ungewohnte Kulthandlungen befiehlt. Doch da eben auch im Liberalen die spontane Religiosität nicht immer so lebendig und kategorisch spricht, so hat die Organisation wohl die Pflicht, auch dafür Normen aufzustellen. Und damit kommen wir nun zur letzten konstitutiven Frage für den Liberalismus: welche positiven inneren Bedeutungen soll der liberale Kultus haben? Darüber ist nach allem Gesagten nicht mehr viel nötig auseinanderzusetzen. Es sind H Zwecke, die der Kultus in der mitgeteilten Reli-

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