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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 249

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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Liberaler Kultus 249 lehren einfach dem spontan religiösen Denken entnommen werden, ist das beim Kultus unmöglich. Diesen kann der Verstand nur regulieren; das Schaffen von Kultbräuchen kann nicht von heute auf morgen geschehen. Auch der radikalste Liberalismus muß an das Herkommen anknüpfen; sogar die Berliner Reform hat das tatsächlich getan, wenn auch in viel zu geringem Maße. Insofern hat jeder Kultus einen historischen Einschlag, ist er durch die Geburtsgemeinschaft mitbedingt. Eine Religion ohne historischen Kultus, ein Liberalismus ohne die durch Jahrtausende geheiligten Formen des Judentums würde eben unjüdisch. Das Historische gibt dem Kultus erst Farbe und Gestalt, ohne es bliebe er ein charakterloser Schemen, nicht lebensfähig, weil er nie gelebt hätte. Ein Konkretes, wie der Kultus, kann seine Kraft nicht aus der Idee schöpfen, sondern nur aus lebendiger Wirklichkeit. — Hat demnach der Kultus das Geschichtliche nötig, so gibt aber andrerseits auch dieses, wenigstens im Judentum, dem Kultus noch eine ganz besondere Bedeutung. Die jüdische Moral, so dürfen wir wohl sagen, hat sich ja schon die Welt erobert, und die jüdische Glaubenslehre wird es, wie wir hoffen, immer mehr tun, — wie es auch schon zum großen Teil geschehen ist. Wenn aber dies mesfianische Ideal erfüllt ist, wenn auch die religiöse Theorie des Judentums Gemeingut der ganzen Menschheit ist, — was wird dann aus dem Judentum selbst? Soll es sich auflösen? Als Sonderheit aufhören zu existieren? Dagegen empört sich mein Gefühl! Das hieße für mich: Ich kämpfe für eine verlorene Sache. Denn die Wahrheit wird sich auch ohne meine Hilfe schon durchsetzen. Ich will arbeiten auch für ein ewig existierendes Sonder-Iudentum. Dies kann nun freilich in nichts anderm bestehen, als in religiösen Momenten; denn seit der Zerstörung Jerusalems durch Titus hat es nie und nirgends in der Iudenheit individuelle Kulturelemente gegeben, die nicht mit Religion identisch gewesen wären, weder in Babylonien noch in Spanien .noch im Thazarenlande. Da aber „am Ende der Tage" die Glaubens- und Sittenlehre das Judentum nicht mehr von andern Gemeinschaften unterscheidet, so kann .es nur der Kultus sein, der ihm die Sonderexistenz sichert. Wenn er die geschichtlichen Traditionen, die in ihm leben, nicht mutwillig zerstört, so ist er dazu auch ganz besonders geeignet. Er entspringt ja, wie wir gesehen, aus den Tiefen der edelsten spontan-religiösen Persönlichkeiten, die seit Jahrhunderten in der Gemeinschaft gelebt haben; er ist also wirklich ein.Spiegel des Heiligen, das in der Volksseele lebt. Und vom Gesichtspunkte der Gemeinschaft selbst gesehen, ist er — auch als mitgeteilter Kultus — der symbolische Ausdruck für die Religiosität der Gesamtheit, der Widerhall, der Reflex, den die allgemein gütige, universale religiöse Wahrheit und Sittlichkeit in dieser Volksindividualität hervorruft, die Form, in der die Gesamtheit ihr spezielles Verhältnis zur Unendlichkeit ausdrückt. — Man schätze also den Kultus nicht gering! Man beschneide ihn nicht mehr als nötig! Man lasse ihm seine Eigenart! Er ist eben nicht nur die letzte Ausstrahlung der liberalen spontan-religiösen Anschauungen, nicht nur der erzieherische Faktor in der religiösen Organisation, — für das Judentum ist er gleichzeitig das Ferment der Gemeinschaft. Der gesunde Selbsterhaltungstrieb der Masse fühlt instinktiv, daß in diesen Imponderabilien ein ganz andres lebt als die Religion, nämlich die historische Eigenart, und sie wehrt sich gegen die Selbstauslösung! Umsomehr Grund für den Liberalismus, aus dieser Tatsache zu lernen und mit desto größerer

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