Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Liberaler Kultus o o o o Epoche stammende Meinung, er sei das offiziell von ihm anbefohlene Zeremonial eines anthroxomorph gedachten Herrschers ist wohl außerhalb der Orthodoxie vollkommen überwunden. Ja, die allermeisten werden geradezu infolge dieser Erkenntnis liberal geworden sein! Wir wissen — und darauf beruht unsre ganze Darstellung unter Nr. I —: die Gesetze, die Gott gibt, sind die moralischen. Diese mit den kultischen zu vermengen, war einer Zeit erlaubt, die sie überhaupt noch nicht differenzierte, wie etwa die biblischen (vgl. Lev. $)• Wenn die Neu-Grthodoxie dies auch 'heute noch tut, so begeht sie eine Unwahrhaftigkeit, die sie vor ihren Anhängern allein verantworten mag. Der Liberalismus weiß, daß aller Kult von Menschen und für Menschen geschaffen ist — und wenn zu seiner Ausbildung noch so viel Jahrhunderte nötig gewesen wären. Mein Gebet gibt Gott nichts und' meine Sabbatentweihung entzieht ihm nichts. Diese dem allgemeinen Bewußtsein längst selbstverständliche Auffassung muß nun aber der Liberalismus auch offiziell eingestehen; sonst kommen wir nicht aus der Lüge heraus und zu ehrlicher Religiosität! Der Begriff Religionsgesetz muß fallen; an seine Stelle tritt der Begriff der Norm, des vorgeschlagenen Normalen. Denn Kultbräuche festsetzen muß ja, wie wir gesehen haben, auch der Liberalismus. Aber er darf es nur im Namen seiner Organisation und diese .hat nichts zu befehlen, sondern nur zu empfehlen. Es können also nur Normalbräuche aufgestellt werden zur Nachahmung. Gemeinde und Individualität müssen daran nach ihren speziellen religiösen -Verhältnissen ändern können. Freilich muß das Bewußtsein erweckt werden, daß diese Normen auch wirklich das Normale sind. Doch dazu wird eine gesunde Kritik mehr beitragen als der eingedrillte Glaube an die göttliche Autorität. Denn was die Organisation des Liberalismus aus ihrer Spontaneität heraus, nicht zum Nutzen der Organisation, sondern aus ihrem lebendigen religiösen Bewußtsein heraus als Lehre und Kultus feststellt, das wird, wenn es -aus Ehrlichkeit entsprungen ist, schnell verwandte Empfindungen im Herzen aller wecken, wie der Hall eines Instrumentes die Saiten aller gleichgestimmten andern mitklingen läßt. Die Lehre wird zur gern angenommenen Ueberzeugung, die Kultnorm zum gern geübten Brauch werden. Und dann tritt an die Stelle tyrannischer Autorität eine andre, innerliche Befestigung, die stärker als jene ist, eine vox Dei, die nicht auf falsch verstandenem blinden Glauben, sondern auf einer wirklichen vox populi beruht! — Die Führerschaft in der religiösen Praxis übernimmt damit wieder der Rkinhag, der Brauch, dieses Mittelding zwischen Freiheit und Zwang, welcher in Wahrheit ja der Vater alles spontanen Kultus ist. Und damit hängt zusammen, daß künftig wieder in den Vordergrund treten werden die positiven Kultbräuche, die (früheren) Gebote, während die kultischen Unterlassungen, die Verbote, welche im Talmudismus ja die Hauptrolle spielen (365 Verbote gegenüber 2^8 Geboten!), wieder vielfach in das Nichts zurücksinken werden, aus dem sie so oft entstammen. In ihnen spricht ja selten lebendige Religion; sie sind meist nur logische und darum tote Konsequenzen. Dagegen pulsiert in den positiven Kultbräuchen, gerade in denen, die wir von unsern Vätern überkommen haben, meist ein innerer Reichtum von Weihe und Wärme und gemütanregender Kraft, die ihresgleichen sucht. Sie wird der künftige Liberalismus ganz besonders zu pflegen haben. Doch damit kommen wir schon wieder zu einem andern Prinzip für unsern künftigen Kultus! Während nämlich die Glaubens-