Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberaler Kultus 247 de» ihnen in der Not so viel Gutes getan, Dich konnten sie vergessen? Das darf ihnen nicht hingehen! Warte nur! da sie doch auf mich noch etwas geben, ich will's ihnen vorrücken!" — Und er ging hin und sprach: „So behandelt Ihr Eueren und Eueres Vaters Freund? Ihn, der in Euere finstere Gasse, in Euere niedrige Wohnung stieg, Euch zu beglücken, ihn vergesset Ihr, wie Ihr Eueres Elends vergessen habt? und ist Euer Reichtum Euch so sicher, daß Ihr nicht mehr des Freundes bedürftet? ' Sind solche Freunde so häufig, daß Ihr sie so geringe schätzet?" — Also sprach er, und der Mann und sein Weib schämten sich sehr! — Wohl ihnen, wenn sie sich besserten! — Und der arme Mann ist Israel; und seine Freunde und Tröster sind die Feiertage. Und so lange der arme Mann im Judengäßlein wohnte, ehrte er den Sabbat, der allwöchentlich Gaben brachte; nun er aber reich geworden, in einem schönen Hause wohnt, nun kennt der Mann den Sabbat nicht mehr, und Weib und Kind Zehen kalt an ihm vorüber. Nur der Versöhnungstag,- der alljährlich einmal kommt und aus jenem fernen Lande so seltene Geschenke bringt, wie wir sie heute geschildert/ er wird noch geehrt. Heute nun treffen die beiden Freunde, Sabbat und Versöhnungstag zusammen, brüderlich zusammen,*) wie es im Gebete heißt: „Siehe, wie schön und lieblich ist's, wenn Brüder freundlich zusammen wohnen!" — Und der Sabbat klagt dem Versöhnungstage seine Not, und der Dersöhnungstag kommt zu euch mit mahnenden Worten- und er, der Erhabene, darf's wagen, mit Ernst euch Vorwürfe zu machen über den Leichtsinn, womit ihr die heiligen Tage des Trostes und der Erhebung verscherzet; denn voll Treue ist sein Mund, und Frieden und Seligkeit möchte er euch gesichert wissen, um euch zu heiligen, nicht bloß, durch sich, sondern auch durch die übrigen Sabbat- und Festtage des Jahres; *) Der Versöhnungstag fiel in dem betreffenden Jahre auf den Sabbat. Liberaler Kultus. Von einem jungen Rabbiner. III. Das Grundprinzip des organisierten Liberalismus, spontane Religiosität vorzubereiten, findet seine Anwendung auf alle Teile der Religion. Die allgemeine Pflichtenlehre wird ihr Hauptaugenmerk darauf richten, religiöse Empfindungen zu wecken; die Glaubenslehre wird sich hüten, mystische, unbeweisbare und religiös gleichgiltige Theorien zu betonen. Dies auszuführen liegt nicht im Rahmen dieser Betrachtung. Am ausgiebigsten aber wird das Prinzip im Kultus zur Anwendung kommen. Hier bietet es den wichtigsten Gesichtspunkt für die Auswahl des vorhandenen Materials, im einschränkenden wie im ausdehnenden Sinne: Kultbräuche, die keine spontane Religion zu erwecken imstande sind, müssen ausgeschlossen werden; sie haben, wie man sagt, keinen Sinn, keine Bedeutung; das Grundprinzip gibt in der allgemeinsten Form die wahre Meinung an, die sich hinter dieser Redensart verbirgt. Aber umgekehrt gibt es auch keinen Grund (Fortsetzung.) und keine Rücksicht, die einen bisher gebräuchlichen Rultus oder Ritus als untauglich erscheinen lassen dürften, außerdem Grundprinzip: was zu spontaner Religiosität führen kann, unter modernen Verhältnissen und Menschen, davon soll der Liberalismus nichts aufgeben, auch nicht das Geringste. Darüber wird bei Gelegenheit noch mehr zu sagen sein. Neben diesem sind aber für den Kultus noch zwei andere Grundprinzipien maßgebend. Menn eine Kultbräuche normierende, legislative Versammlung des liberalen Judentums in Deutschland — oder gar von allen Kulturländern — Zusammentritt, so dürfen doch ihre Vorschriften nicht denTharakterdesGesetzes, des ewig Unverbrüchlichen, des unbedingt Gütigen tragen! Auch hier muß der Liberalismus auf eine äußerliche Festigung verzichten, welche der Orthodoxie sehr zu statten kommt. Ts gibt wohl keinen einzigen Liberalen, der noch glaubt, daß der Kultus von Gott befohlen ist. Die aus der Mendelssohn-