Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Ar. Srligmarm: Zum 100. Geburtstage Leopold Steins zaUlosen Lieder singt, welche ich zu deinem Ruhme angestimmt. Wie wird dadurch deine Größe und Macht öffentlich anerkannt!! Ich weiß, es, mir gebührt die Krone, mir vor allen gibst du sie!" — Da erhob sich die König von seinem Sitze und sprach: Sohn, deine Gesinnung ist gut, und weit besser ist es wohl, mir im Geiste dienen, als Farren und Lämmer mir zu Ehren zu schlachten, und sie selbst zu essen. Allein das Wort ist noch nicht die Lat; und die den ganzen Tag mein Lob singen, die wahrlich sind es nicht immer, welche die Größe meines Reiches verherrlichen. Die Krone wartet noch ihres Besitzers! Tritt bei Seite! — Da traten die drei beiseite Stehenden zusammen und sprachen: wir Haben uns in der Vorhalle gestritten, wem der Vortritt gebühre? Und nun sind wir alle drei zusammen hier, und keinen von uns zieret die Krone! —, Da pochte es leise an die Pforten, und herein trat ein Weib, scheu und schüchtern. Aermlich war sie gekleidet, doch reinlich; sie wagte kaum, das Auge aufzuschlagen, dennoch lag in ihren Mienen das Bewußtseein.des Guten, und in ihrem Gange die Sicherheit, daß sie vor einen König trete, dem alltz seine Landesangehörigen gleich lieb und teuer waren. Also trat sie vor, ließ auf ein Knie sich nieder und sprach : „Hoher Herr! ich und . mein Mann — wir nähren uns von unserer Hände Arbeit, mühsam,- doch ehrbar. Wir wollen von niemanden etwas, sind aber freudig bereit, das Wenige was wir haben, mit andern zu teilen, die noch weniger besitzen. Wir hatten keine Kinder; doch unser Inneres sehnte sich darnach, an einem geliebten Wesen täglich unser Herz zu erfreuen. Da starb unsere Nachbarin, eine arme Witwe, und hinterließ ein Knäblein von drei Jahren, ein verlassenes Kind, das gar keinen Annehmer hatte. Wir nahmen uns des weinenden Knaben an, zogen ihn pi unser Haus, an unser Herz. Da ward das teuere Kind krank. Nun wachten wir wechselweise, ich und mein Mann, Tag und Nacht an seinem Bettlein, daß wir selbst fast erkrankten, bis unser Kind genaß. Du, o Herr, hörend von unserem Kummer, hast den besten Arzt gesendet, uns zu trösten, das Kind zu heilen; ich komme, dir innig zu danken, denn unser teuerer Sohn lebt, lebt! — Da erhob sich der König wieder von seinem Sitze, doch nun stieg er die Stufen seines Thrones herab, näherte sich dem trefflichen Weibe, faßte sie bei der Hand, führte sie zu den Dreien, die bei Seite standen, und sprach: „Sehet dieses arme Weib! sie hat mir keine Menschen geopfert, aber einen Menschen erhalten; sie hat keine Opferschmäuse mir zu Liebe verzehrt, aber ihr kümmerlich Erspartes mit einem meiner verlassenen Kinder barmherzig geteilt; sie hat keine Lieder auf meinen Ruhm gesungen, doch ihre Handlungsweise ist ein Lied voll Wohlklang und Harmonie — ihr gebührt die Krone; sie hat sich um mich am verdientesten gemacht; gehet hin! werdet ihr ähnlich!" — Doch das vortreffliche Weib sprach: „Herr, soll ich mir die Handlung, die mich so glücklich macht, zu welcher das Herz mich antrieb, wie der Hunger mich zum Essen antreibt, durch Silber und Gold belohnen lassen? Gib Silber und Gold Denen, die um dessentwillen dir dienen, mir ist das Leben meines Kindes, das ich Dir verdanke, Lohnes genug!" — Da legte der König, nachdem er eine Träne aus seinem leuchtenden Auge getrocknet, die Hand segnend auf des Weibes Haupt und sprach: zieh' hin,- meine Tochter! dein Lohn bleibt nicht aus! — Der liebevolle Herr sorgte für die Erhaltung der braven Ehegatten und die Erziehung ihres Kindes; der Sohn wuchs in allem Guten herrlich heran, und ward später einer der ersten Diener im großen Reiche des Königs. Die Bürgerkrone, welche der König für ihn zurücklegte, blieb erblich in seinem edlen Keschlecht. — Das ist die Geschichte! — Und das ist die Auslegung, Menschenopfer sind Gott ein Greuel; au Tieropfern hat er keinen Gefallen; auch 'das Gebet, so hoch es steht, es ist doch das Höchste nicht. Die wahrhaft edle, menschenbeglückende Tat — wenn sie auch nicht darauf ausgeht — ihr gebührt die Krone! IV. Lin Gleichnis. (Aus einer Predigt.) Es war einmal ein armer Mann, der wohnte mit Weib und Kind in einem finsteren Gäßlein, in einem engen Haus' und es war viel Not und Elend in dem Hause. Aber der Mann hatte treue Freunde, und.wer treue Freunde hat, der ist nicht arm. Namentlich waren es zwei Männer, die ihm viel Gutes taten. Der eine wohnte in der Nähe; er kam regelmäßig jede Woche zum Besuche; und wann er kam, da ward's hell im Hause; er brachte stets reiche Gäben mit; die Kinder sangen, in der Hütte war Seligkeit. Der andere, vornehmer, kam von seinen weiten Reisen jährlich'nur einmal in's Haus, aber reiche Geschenke brachte er mit aus fernem Lande; dem Manne und seiner Frau gingen die Augen über vor Freude; im Anschauen der Geschenke vergaßen sie Speis' und Trank. — So ging das eine Reihe von Jahren. Sehet, da ward der arme Mann reich; er verließ sein finster Gäßlein; er kaufte sich ein großes Haus in der schönsten Straße der Stadt, und lebte in Freuden. Deshalb aber muß man doch seine alten Freunde nicht vergessen — nicht wahr? — Aber der törichte Mann tat's. Wann der nahe wohnende Freund in's Haus kam, kaum grüßte ihn einer; selbst die Kinder gingen kalt an ihm vorüber. Nur den Weithergereisten, Vornehmeren, nahm man noch ehrbar auf. Da trafen die beiden Freunde einmal zusammen, und jener sprach zu diesem: „Nun, was sagst Du zu unserem Schützling?" „Was soll ich sagen?" antwortete der Freund aus der Ferne; „er ist ja ein reicher Mann worden, wohnt in einem großen Hause, die Zeit hat ihn emporgebracht." „Aber was sagst Du," erwiderte der andere, „zu seinem Undank? er und die Seinigen kennen mich nicht mehr!" -^Jst's möglich?" rief jener aus: „Dich,