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Liberales Judentum · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 245

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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o o © o Av. Srlrgwann: Zürn 100. Geburtstage Leopold Steins 245 die Talmudisten dem Zeit-- und Volksbedürfnis in erleichternder Weise Rücksicht, geschenkt .und bestimmt, „es dürfe keine Erschwerung auferlegt werden, welche der Mehrheit der Gemeinde als unerträglich erscheinen müßte." — Wie sehr sie ober den o.bwaltenden Verhältnissen, bei der Ordnung der wichtigsten Gesetze, Rechnung getragen, das geht aus der tatsächlichen Verschiebung des Versöhnungstages, „um der Feldfrüchte und der Toten willen," am Deutlichsten hervor. — Unser Buch liefert jenen Nachweis an zahlreichen Beispielen, denen zufolge der Talmud selbst das Recht zur religiösen Umgestaltung (reformatorische Prinzip) uns! an die Hand gibt. Wenn uns nun auch der Faden der Geschichte bald zu einer Zeit führt, in welcher die niedergeschriebene rabbinische Lehre Widerspruch und Aenderung auf dem Gebiete der Satzungen als Auflehnung wider Gott und Israel erscheinen läßt, so sehen wir dagegen, zu unserer Befriedigung, auf anderen Gebieten den jüdischen Geist frisch erwachen, und dieser Geist ist es, welcher, in Karäismus und Kabbalismus, die Rabbaniten mit großer Gefahr bedroht. — Jener aber verschwimmt oberflächlich; dieser verliert sich in den unterirdischen Gängen der Schwärmerei — unser Bestreben hat mit Beiden nichts zu tun. — Endlich kommen wir auf unserer geschichtlichen Wallfahrt zu dem Zeitpunkte, wo der alleinherrschende Rabbinismus, wie jede triumphierende Partei, in Einseitigkeit ausartet, und der „Schulchan-aruch" mit eisernem Szepter die Geister gefangen und niederhält. So gelangt unser Buch am Schlüsse zur Neuzeit, welche der gesamten Menschheit jene große Toppelausgabe stellt, die sich in den Worten zusammenfaßt: „Die Geister müssen befreit, dabei aber unter der heilsamen Zucht vernünftiger 'Gesetze gehalten werden." — — Das ist auch die Doppelaufgabe einer wahren Reform des Judentums; und das ist Blüte und Frucht auch unseres Buches, indem wir dieses mit einer, die Grundlagen des religiösen Gesetzes für die Gegenwart feststellenden „Lebensordnung" abschließen, die wir unseren gesinnungsgenössischen Brüdern und Schwestern znr Prüfung, und wenn sie Dieselbe gerecht finden,?ur Annahme und Förderung anempfehlen. — Gott aber schenke unserem Werke Gedeihen und Wohlgefallen! III. Das rechte Gpfer. Eine Parabel. (Vorgetragen in einer Schrifterklärung über 2. B. M. 20, 21; am Sabbat, den 27. Cheschwan 5611 — 2. Nov. 1850.) „Womit soll ich dem Ewigen aufwarten? mich unterwürfig zeigen Gott in der Höhen? soll ich ihm aufwarten mit Brandopfern? mit Kälbern, einjährig? Hat der Ewige Vergnügen an Tausenden von Widdern? an Miriaden von Strömen Oels? soll ich meinen Erstgebornen geben für meine Schuld? die Frucht meines Leibes für meiner Seele Fehler?" —i „Er hat dir'S gesagt, v Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir begehrt: nichts Anderes, als Uebung des Rechts, Liebe zum Wohltun und im Stillen wandeln mit deinem Gott!" (Micha 6, 6. 7.) Der König saß am Neujahrstage auf herrlichem Thron, um ihn herum die Großen seines unermeßlichen Reiches, ein leuchtender Kranz der Edelsten und Besten. Aus seinem Haupte strahlte die Krone, verdunkelnd der Sonne Glanz, und weithin sendend ihr verklärendes Licht. In seiner Rechten hielt der edle König ein Diadem, voll der kostbarsten Perlen und Edelsteine, ein Fürstentum übersteigend an Wert. Und er sprach zu seinen Boten: gehet hinaus und bringt mir den Bürger herein, der sich um das Reich am verdientesten gemacht, daß die Bürgerkrone ih» schmücke. Die Boten gingen hinaus, und bald trat herein ein Mann von stattlicher Figur, mit stolzen Schritten, als wollte er sagen, was ich für das Reich getan, das hat noch Niemand geleistet; und also Hub er an und sprach: „hoher Herr! Als wir einem früheren Herrn dienten, da regte dieser das Reich auf zum Kampfe gegen ein anderes Reich. Ich hatte einen einzigen Sohn, welchen ich hingab für das Reich. Er fiel im Kriege: mein Liebstes und Teuerstes Hab' jch dem Reiche geopfert; mir gebührt die Krone, welche du verteilen willst." Da faltete der edle König die Stirne und sprach: dem ihr früher gedient, der hatte Freude am Kriege, ich bin ein Herr des Friedens. An Menschenopfern Hab' ich keinen Gefallen. Die Krone kannst du nicht erhalten. Tritt bei Seite!! —i Da öffneten sich die Pforten zum zweiten Male, und herein trat ein Bürger, wohlgenährt, frischen Aussehens; mit selbstgefälliger Miene trat er auf, als wollte er sagen: ich habe Großes fiir den König getan; und mit Zuversicht begann er und sprach: „Hoher Herr! als du die Regierung antratest, da Hab' ich, dir zu Ehren! tausend Stiere, tausend Böcke, und Lämmer ohne Zahl geschlachtet; mein halbes Vermögen ging in Opfern auf, die ick» zu deiner Huldigung darbrachte — nicht wahr? mir gebührt die Ehrenkrone!" Da lächelte der treffliche Monarch und sprach: immer besser, mir zu Ehren Tiere, als Menschen schlachten. Allein wenn ihr zu meiner Huldiguung so viele Stiere und Lämmer gegessen habt, so habt ihr ja eueren Lohn schon dahingenommen. So, Freund, wird die Ehrenkrone nicht erworben. Tritt bei Seite! — "Da taten sich die Pforten zum dritten Mal auf; das Auge zum Himmel gewendet, begeisterten Blickes, trat ein Mann herein, der mit Geringschätzung auf die ganze Umgebung blickte, als wollte er sagen: ich habe auf eine Weise unserm Herrn gedient, mit welcher doch kein anderer Dienst zu vergleichen ist! Dann beugte er seine Knie vor dem König und sprach: „Hoher Herr!! ich habe dein Lob gesungen aus der Tiefe meines Herzens. Ich habe Lieder auf deine Größe gedichtet, welche im Munde des Volkes leben. Gar Mancher tut den ganzen Tag nichts anders, als daß er die

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