Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. KeUgmarm: Zum 100. Geburtstage Leopold Kleins 243 der zuerst in seinem J85\ bis \860 erschienenen „Volkslehrer," am nachdrücklichsten aber in seinem umfangreichen religionsgeschichtlichen Werk „Schrift des Lebens" zum packenden Ausdruck kommt, war Stein durch die Herausgabe seines „Volkslehrers" schon zum Mittelpunkt der praktischen Reformbewegung in dem stillen Jahrzehnt nach den Rabbinerversammlungen geworden, so erhob er sich in der „Schrift des Lebens" auf die Höhe seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Die „Schrift des Lebens" ist sein persönlichstes Werk, ein Buch voll lebendiger Ligenart, voll Rraft und Schönheit, ein Lebensbekenntnis, in dem sich die Sturm- und Drangperiode der jüdischen Reformbewegung wie in keinem anderen Werk spiegelt. Der abschließende dritte Teil der „Schrift des Lebens": „Die Sittenlehre oder die Weisheit der Rabbiner" erschien erst in diesem Jahre, aus seinen nachgelassenen Schriften herausgegeben, (vergl. Besprechung in diesem Hefte.) Als schöpferisches Vorbild von nachhaltigster Wirkung erwies sich Stein auf dem Gebiet der Neugestaltung des synagogalen Rultus. Lr war der Lrste, der die von der Frankfurter Rabbinerversammlung gelegten Grundbestimmungen für sein neues Gebetbuch konsequent durchführte, viele seiner xoesievollen deutschen Gebete und Gesänge sind als bleibender Bestand in unseren Rultus übergegangen. ‘ Nach Rücktritt von seinem Amte wirkte Stein als Lehrer einer von ihm begründeten Erziehungsanstalt und als Rabbiner der im Westen der Stadt von ihm geschaffenen Ivestend - Union - Gemeinde, für welche er ein neues, auf entschiedenen reformatorischen Grundsätzen beruhendes und dennoch die historische Struktur bewahrendes Gebetbuch schuf. Große Ehrungen wurden ihm zu seinem 70. Geburtstag, der zugleich als SOjähriges Amtsjubiläum gefeiert wurde, zuteil. Er starb im sZahre f882, 72 Jahre alt. Rus Ceopold Stein’s Werken. i. Unsere religiösen Zustände in der Gegenwart. (Aus der „Schrift des Lebens'".) Unsere religiösen Zustände sind trauriger als je. Die größten Gemeinden, deren Mitglieder, der weit überwiegenden Mehrzahl nach, in ihrem Denken der neuen Geistesrichtung folgen und in ihrem Leben von den alten Religionsformen sich losgesagt haben, berufen zum Lehramte weder Männer, welche entschieden dem Alten huldigen, weil das ihre eigene Denkweise zu sehr verletzen würde, noch Männer, die sich entschieden zum Neuen bekennen, weil sie von ihnen Schaden für den sogenannten Gemeindefrieden befürchten — die Hälblinge, die nicht alt und nicht neu, die Lauen, die nicht kalt und nicht warm, sie sind die Männer des Tages. So ist es leider nur zu erklärlich, daß die schöne Begeisterung, die in früheren Tagen eine große Anzahl jugendlicher Männer für das Lehramt im Lichte und zur Läuterung des religiösen Lebens so warm durchdrungen, im Erlöschen begriffen und auf einen erfteulichen, gesunden Nachwuchs leider wenig zu hoffen ist. — Dazu kommt noch ein anderer, gleich beklagenswerter Umstand, welcher die früher so kräftig voranschreitende neue Richtung mehr und mehr abschwächt. Bei unserem Auftreten umgab uns in und aus den Gemeinden eine rüstige Schaar wackerer Männer, welche gleich uns die Liebe zur alten Gotteslehre warm hegten im jüdischen Herzen, während sie die Notwendigkeit einer Um- und Neugestaltung klar erkannten im weltverbrüderten Geiste. — Sie zahlen, die Trefflichen! Einer nach dem Andern den Zoll der Zeitlichkeit, und die uns schmerzlich Entrissenen finden aus den Reihen unserer jungen Männer höchst spärliche Ergänzung. Denn unsere Jugend huldigt fast ausschließlich dem Genüsse, fröhnt dem Dienste der Stofflichkeit, und ohne sicheren religiösen Halt verfällt sie der Gottesläugnung, oder der noch schlimmeren, blaßkränklich farblosen Gleichgültigkeit. Und unsere Frauenwelt, diese Grundsäule des häuslich religiösen Lebens, auch sie fängt schon bedeutend an zu wanken; denn es fehlt besonders ihr die innere Festigkeit, die zuverlässige Sicherheit in religiösen Dingen. Bin ich es allein, der in solcher Zeit den schmerzlichen Ruf anstimmt: „was soll daraus werden?" Oder sind es Taufende neben mir, welche denselben Ruf rat- und führerlos anstimmen in ihrem Herzen? — Gewiß und wahrhaftig das Letztere! — Darum bewegte ich seit Jahren, schon zur Zeit, als ich noch im Amte war, den Plan zur vorliegenden freimütigen Kundgebung in meiner Seele, während der immer wiederkehrende Zweifel: wird es zu einem befriedigenden Ergebnis führen? mich stets von der Verwirklichung zurückhielt. Allein es war in meinem Innern, wie im Herzen des Propheten, „gleich einem verzehrenden Feuer, das ich, trotz aller Mühe, nicht zurückzuhalten vermochte*);" denn unwiderstehlich mahnte mich *) Jeremias 20, 9.