Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126536--0663-3127475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
242 Ar. Srligwann: Zum 100. Geburtstage Feopold Steins ihn mit dem nachbarlich wohnenden Friedrich Rückert, dessen Einfluß auf sein poetisches Schaffen von großer Bedeutung ist. Leopold Stein war — und das ist vielleicht das charakteristische Merkmal seiner Persönlichkeit — eine hochgestimmte poetische Natur von großer dichterischer Begabung. Gb er als.Prediger auftritt oder als Religionsxhilosoxh, ob er Leitartikel schreibt oder Gebete verfaßt, nirgends verleugnet er den Dichter. Zahllos sind seine in Zeitschriften, Jahrbüchern, Kalendern verstreuten Gedichte; sie sind zum Teil, wie die Totenlieder auf die frühverblichene edle Lieblingsschülerin Llementine v. Rothschild, von tiefergreifender Schönheit. Drei Dramen „Die Hasmonäer", „Der Knabenraub zu Tarxentras" und „Haus Ehrlich" zeugen von großer poetischer Gestaltungskraft. Die „Hasmonäer" wurden in Mannheim im Jahre \859 mit durchschlagendem Erfolge aufgeführt. Selbst sein großer Gegner Samson Raphael pirsch kann nicht umhin, ihm die Palme des Dichters zu reichen, wenn er in den „ersten Mitteilungen aus Naxhtalis Briefwechsel" von ihm schreibt: „wenn ich A nicht irre, begrüßen wir chier den lieblichen «»Länger der „Stufengesänge." Und wahrlich, mit viel freudigerem Kerzen möchten wir dem Dichter einen Huldigungskranz freundlich duftender Veilchen um die Stirne winden, als ihm kritische Dornen zum Dornenkranze reichen." Mit den s83H erschienenen „Stufengesängen" begann, mit den nach seinem Tod s885 herausgegebenen „morgenländischen Bildern in abendländischem Rahmen" schloß Leopold Steins schriftstellerische Laufbahn. So kehrt der Greis am Abend seines Lebens zu der Liebe seiner Zugend zurück. Dazwischen aber liegt ein Menschenleben voll schöpferischer Arbeit und glänzenden Erfolgen, aber auch reich an schweren Kämpfen und dramatischen Lebensschicksalen. Aus dem ländlichen Zdyll berief ihn im Zahre \8^ die große Frankfurter Gemeinde zu ihrem Rabbiner. Zn einer mächtig wogenden Zeit, in welcher die religiösen Gegensätze innerhalb des Zudentums aus verhaltener Leidenschaft ungezügelt emporbrausen, nahm Stein zuerst eine vermittelnde Stellung ein. Mild versöhnend, wie ein Priester der Liebe, steht er zwischen den Parteien. Zn seinem klassischen predigtwerk „Kohelet" spiegeln sich diese ersten Zahre seiner Frankfurter Tätigkeit. Seine predigten bilden in dieser Zeit den Mittelpunkt seiner Wirksamkeit. Gedankenreich, voll edlen Schwungs, vom Hauch der Poesie umweht, warm im Ton, klar im Aufbau, anschaulich in der Ausführung, fesseln die Steinschen predigten, sowohl die in „Kohelet" als auch die im „Volkslehrer" und „Aus dem Westen" abgedruckten durch einen neuen eigenartigen Reiz. Aus dem goldenen Ueberfluß der altjüdischen Midrasch-Literatur versteht es der Meister mit feinem dichterischen Nachempfinden die schönsten Sagen, Legenden und Parabeln herauszufinden, und — wo er nicht findet —, erfindet er aus eigener Phantasie reizvolle Geschichten, die er mit seltener Geschicklichkeit kunstvoll in die predigt zu verweben weiß. Den Höhepunkt der ersten Periode feiner Frankfurter Wirksamkeit bezeichnet die Frankfurter Rabbinerversammlung des Zahres s8^6, deren Präsident er war. Damals stand Stöin auf Seiten des positiv - historischen Frankel, des späteren Leiters der Breslauer Rabbinerschule. Als aber die dramatisch bewegten Kämpfe der HOer Zahre in Frankfurt zur Katastrophe führten, als eine orthodoxe Separatgemeinde sich von der Hauptgemeinde trennte, und vollends, nachdem Stein im Zahre ^86s, infolge von Konflikten mit dem Vorstand, von seinem Rabbineramt zurückgetreten war, nahm er immer entschiedener jenen festen reformatorischen Standpunkt ein,