Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum monafsfchrift für die religiöfen Infereffen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. M. Ns. 11. Jskrgang 2. November 1910. Leopdlä 5EeiN. Zu feinem 100. Geburtstage: 5. November 1910. Van Dr. Seligmann-5rankfurt a. Hl. n die mittelalterliche Beschaulichkeit der großen Zürcher Talmud - Hochschule schlug im Jahre J826 eine Bombe ein, welche die mehrere hundert zählenden Bachurim in alle winde auseinandersxrengte: Die bayrische Regierung erließ eine Verordnung, wonach die studierenden Jünglinge neben dem Talmud auch Deutsch lernen Mußten; für die Anstellung der Rabbiner wurde Gymnasial- und Universitätsbildung gefordert. Diese Bombe bedeutete das Ende für die jüdische Alt-Mrthodoxie in Deutschland. Hatte es bis dahin, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nur Rabbiner alten Schlages gegeben, ehrwürdige Rkänner, die, im Talmudstudium grau geworden, der Bildung der Zeit und der neuen Bewegung im Judentum verständnislos gegenüberstanden, so wuchs jetzt eine neue Generation von 'Rabbinern heran, die, genährt an den Quellen altjüdischen Talmudstudiums, in ihrer Seele alle Bildungselemente ausgenommen hatten, welche die Zeitkultur ihnen darbot. Gs war eine große Reihe hochbegabter Rkänner, starke Persönlichkeiten voll wissenschaftlicher Bedeutung, voll rastloser Initiative, voll neuer umgestaltender Ideen, Forscher und Kämpfer, welche eine spätere, nicht von j)arteileidenschaft getrübte Geschichtsschreibung zu den schöpferischen Geistern der jüdischen Geschichte wird zählen müssen. Zu diesen an der Wiege einer neuen Zeit stehenden großen Führern gehört Leopold Stein, eine der sympathischsten und einflußreichsten Persönlichkeiten unter den großen Rabbinern des Jahrhunderts. Geboren am 5. November j^O zu Surgrexpach [n Unterfranken, als der Sohn eines altfrommen Rabbiners, war er einer der versprengten Talmudschüler der Fürther Hochschule. Aber nicht als Heimsuchung, wie viele seiner Kommilittonen und wie die ganze alte Rabbinergeneratton, sieht er die Schicksalswendung an, sondern wandert fröhlich aus der Jeschiba zum Gymnasium und kämxft sich durch zur Würzburger Hochschule. Jahre hindurch an mehreren Tagen der Woche warme Speise entbehrend, hielt sich der ideal veranlagte Jüngling an dem Gedanken des künfttgen Berufes froh aufrecht. Rkit 2% Jahren erhält er feine erste Anstellung als Rabbiner in der kleinen bayrischen Landgemeinde zu Burgkundstadt. Dort führt er fast das idyllische Leben eines xrotestanttfchen Landxfarrers. Intime Freundschaft verbindet