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Liberales Judentum · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 238

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 238 (sequence 22)
Language
German
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238 Rundscharr „In deines Lebens stürme, wie Friedensklang es tönt, Du fühlst dich von Frieden umfangen, Mit Gott und Menschen versöhnt. In deines Lebens Dunkel Kommt es wie Sterpenschein, Und alle deine Schmerzen Und Wünsche schlafen ein. (£5 läßt dich selig schweben Hoch über dem eigenen Sein, £s ward ein höheres Leben Für ein paar Stunden dein!" Und nun ist die Stunde des Abschieds gekommen, Kopf an Kopf gedrängt steht die Gemeinde und in flammender Begeisterung ertönt der siebenfache Huldigungsruf Adonai hu hoelohim und von den Lippen der Männer und der Frauen, der Jünglinge und der Jungfrauen und der Kinder „Schema, Jisroel, adonoi elohemi3 adonoi echod", Höre Israel, Gott ist unser Herr, Gott ist einzig. Noch ein Schofarton und der heilige Tag versinkt im Abenddämmer. Rundlchau. Die Synagogen-Weihe in Frankfurt a. Ul. Von Dr. J. Benario. „Tut weit ihr Tore die Flügel auf, erschließet euch Pforten des Herrn; der König der Ehre zieht ein". Der 28. September WO — der Tag der Einweihung der neuen Synagoge in Frankfurt a. M., wird nicht nur einen steten Gedenktag für die altehrwürdige Gemeinde bilden, er wird einen Merk- und Wendepunkt in dem religiösen Leben bedeuten, nicht nur für die liberal gesinnten Juden Frankfurts, sondern auch für die Bestrebungen der Gesamtheit liberaler Glaubensgenossen. Es kann hier nicht der Grt sein, die architektonischen Schönheiten des grandiosen Bauwerks in seinen äußeren Linien und seiner inneren Ausstattung zu schildern. Wenn aber die Form den Ausdruck einer Idee bilden soll, so darf nicht unerwähnt bleiben, daß der schaffende Künstler durch die Gestaltung der neuen Synagoge die Ideen, die das Judentum, speziell das liberale Judentum, beseelen, in vollendeter Weise zum Ausdruck gebracht hat. Mit festen Quadern auf erworbenem Grunde verankert, strebt der Bau mit seiner sich weitenden Kuppel in blaue Himmelshöhen, und weist Ziel und Aufgabe an denen, die sich in seinem Innern zum Gebete versammeln. Wohl steht jeder Beter im neuen Gotteshause auf heimatlichem Mutterboden, aber er soll nicht kleben bleiben an ihm, er soll über sich selbst hinaus wachsen zu einer lichtvollen Höhe der Gedanken und Auffassung über die Fragen, die sein Innerstes bewegen, wenn er in das Bethaus tritt. Die archaisierenden Formen der Innenausstattung in ein modernes Gewand gekleidet, führen den Andächtigen in die ursprüngliche Heimat zurück, sie führen ihm aber auch die Schönheiten einer neuen Heimat vor Augen. So wurde auch in einzelnen Gebräuchen mit der altheimatlichen Tradition gebrochen, und die neuen haben sich schon volles Bürgerrecht erworben. Daß die Frauen nicht mehr hinter Gittern dem Gottesdienst beiwohnen müssen, sondern sich mit den Männern auf gleichem Niveau befinden, bedeutet nicht nur das Aufgeben einer alten brüchig gewordenen Tradition, sondern eine berechtigte Konzession an die Forderungen der neuen Kultur. „Tut weit ihr Tore die Flügel auf." Um Gott die Ehre zu geben, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, daß ihnen ein so herrliches Gotteshaus gegeben worden, hatten sich denn auch am Tage der Weihe eine sehr große Anzahl feierlich-andächtiger' Männer und Frauen in der Synagoge ,eingefunden. Der tiefe, heilige Ernst, der der Herbeigekommenen Mienen überzog, deutete die Empfindung an, daß eine Renaissance in dem religiösen Leben des liberalen Judentums angebrochen sei. Der Gedanke, daß echtes, wahres Judentum mit modernen Anschauungen und Ideen nicht nur wohl vereinbar ist, sondern vereinbart werden muß, sofern ein gut Teil unserer Glaubensgenossen nicht nur dem Namen nach, sondern mit dem Herzen und der Seele der Gemeinschaft erhalten bleiben soll, dieser Gedanke bildete den Tenor der gedankenvollen Ansprache, mit der der Präses der Gemeinde, Iustizrat Dr. Blau, die Synagoge ihrer Bestimmung übergab. Er wurde weiter aus-

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