Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 237 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Uersichmmgstag in der neuen Synagoge zu Frankfurt a. M. 237 diesem wunderbaren Tempel Gottes einen Tag der weihe verleben zu dürfen. — Die jauchzenden Morgenpsalmen klingen an unser Dhr, und da wir sie zum ersten Male in unserer deutschen Muttersprache in meisterhafter Uebertragung in dem neuen Gebetbuch*) lesen, da erst werden wir uns ihrer Schönheit innig bewußt. — Dazwischen ertönt von den Ltppen des Vorbeters inunserer uralt-heiligen Gebetsprache „os joschir Mosche", das Loblied am Schilfmeer. Fast keines unserer Gebete fehlt in dem Gebetbuch, die in so vielen von uns seit fernen Rindertagen noch singen und klingen. Aber eine feinsinnige deutsche Uebertragung, die dem tiefen Sinn, den letzten Gedanken der Verfertiger nachsxürt und dieselben in ihrer ganzen Tiefe erfaßt, ist den hebräischen Gebeten an die Seite gestellt. Als das Owinu malkenu verklungen, als die prächtige heilige Lade geöffnet, als die Thora verlesen und wieder an ihren Ruheplatz gebracht, und dann der Rabbiner anhebt zu seiner begeisterten und begeisternden predigt, da ist kein j)latz leer in dem mächtigen Gotteshaus, da herrscht feierlichste Stille und andachtsvolles Schweigen. Mit bangem Schauer ergreifts uns, wenn es jetzt inbrünstig und gewaltig ertönt „unesanne tokef", jenes tiefste aller alten Gebete: „Unsere Seele schaut bebend in die dunkle Zukunft und fragt voll Bangen: wie viele werden dahin gehen? Und wie viele werden zum Leben erwachen? wer wird leben? Und wer wird sterben?" Und wie süßer Trost kommts über uns: „Aber Reue, Gebet und ein Leben voll Liebe lassen uns jede Schickung leichter tragen und sichern uns deine Gnade." Helljauchzend rauschen die Rlänge der heiligen Keduscho; und wenn dann die ganze Gemeinde niedersinkt vor Gott, wen ergreifts da nicht in tiefer Rührung, wer empfindet nicht mit ehrfürchtigem Schauer die Nähe Gottes? Tin sinnumstrickendes Bild steigt vor uns auf, die Feier des versöhnungstages in Jerusalem, wir vermeinen ihn zu sehen, den *) Israelitisches Gebetbuch, bearbeitet von Rabbiner Dr. Seligmann. 2. Teil. Frankfurt a. M. 1910; in Kommission bei I. Kauffmann. Hohenpriester, „wie war er herrlich, wenn er hervortrat aus des Tempels Vorhang", und wie ein Gefühl der Befreiung und des überströmenden Glückes geht es durch unsere Seele, wenn es ertönt „Tithoru, ihr sollt rein werden!" Die stille Andacht läßt jeden von uns hinableuchten jn die Tiefen seines Herzens, und mit Inbrunst ringts sich von unseren Lippen: „Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott, dein gütiger Geist leite mich auf rechter Bahn!" — Schon beginnts zu dämmern in dem weiten Raum, da flammts auf von tausend Lichtern und wehmutvoll und weich ertönts zur heiligsten Stunde des heiligen Tages, zur Seelenfeier, an unser Ghr. „Seele, was betrübst du dich? Was ist dir so bang in mir? Fühlst du nicht des Vaters Nähe, Der uns all' im Kerzen trägt? Lebt kein Gott dir in der Höhe, Der da liebet, wenn er schlägt?" Jedem, der dieser Seelenfeier beigewohnt, wird sie ein inneres Erlebnis gewesen sein und bleiben. — Für jeden Schmerz, den unsere Seele erlitten beim Verlust eines teuren Dahingeschiedenen, finden wir den Ausdruck unseres tiefsten Empfindens in diesem Seelengebet, unser Schmerz wird geheiligt in dieser weihevollen Abendstunde und wie weher, süßer Trost überkommts uns. „Jene haben überwunden — All' ihr Schmerz ist nun zur Ruh'; Frieden haben sie gefunden — Find' ihn, Seele, mm auch du!" Und ehe wir uns nun zum Schlußgebet vereinen, erklingt vor dem Abschied ein machtvoller, zündender Appell von der Ranzel herab an die lauschende Gemeinde, ein Appell, der gewiß nicht verhallen wird, auch wenn das Getriebe des Alltags uns wieder umbraust. Noch einmal zum Schlußgebet erklingt die Keduscho, noch einmal finden wir uns in stiller Andacht, ja, „dieser Tag hat tief hineingeleuchtet in die stillen Winkel unserer Seele und uns eine innere Herrlichkeit offenbart, von der wir draußen im hastenden Gewirr des Lebens nichts ahnen."