Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Aersühnnngstag in der neuen Synagoge zu Frankfurt a. M. doch, so unschuldig, wie es sich ansieht, ist es nicht. Dr. Biberfeld meint, die evangelische Orthodoxie könnte in diesem Vergleich „mit Fug und Recht" eine Einmischung in ihre Angelegenheiten erblicken, und das malt er nun in aller Breite so aus: „Dann wird von dort her der Ausfall gegen die angebliche Intoleranz der evangelischen Orthodoxie gegen ihre liberalen Brüder als überhebende Einmischung Andersgläubiger in Interna der christlichen Kirche mit Fug und Recht entrüstet abgewiesen werden. Und dann hätte der blinde Lsaß des Herrn Dr. Blau gegen seine orthodoxen „Brüder" es fertig gebracht, in jenen Kreisen eine Stimmung wieder aufleben zu lassen, die, durch die beklagenswerte Vordringlichkeit jüdischer Politiker im sogenannten Kulturkampf wachgerufen, den A n- Lisemitismus hat aufleben lassen" zc. Also eine direkte Aufforderung von Grthothodoxie zu Orthodoxie zum Antisemitismus wegen überhebender Einmischung des Dr. Blau in die Interna der christlichen Kirche! Eine angebrachte Denunziation, wie sie kein Rohling und Eisenmenger auszuklügeln vermöchte. Denn es ist nicht wahr, es ist einfache Unwahrheit, daß Dr. Blau „einen Ausfall gegen die angebliche Intoleranz der evangelischen Orthodoxie" gemacht habe; wie wir gezeigt haben, macht er auch gegen die jüdische Orthodoxie keinen Ausfall, er erkennt ausdrücklich ihre Existenzberechtigung an. Zu solchem Manöver verfteigt sich der Separatismus, und eine solche Richtung will das Judentum sein!!! Kennt der Rabbiner Dr. Biberfeld nicht den ganzen Abscheu, die unsägliche Verachtung des Judentums gegen den Denunzianten? G, er kennt das! Aber . . . „tut nichts! Der Dr. Blau wird verbrannt!" . . . So weit kommt der Mensch durch den Haß! Ein Rabbiner wird zum Denunzianten, ein Rabbiner gibt der christlichen Orthodoxie einen Wink mit dem Zaunpfahl, wegen „überhebender Einmischung in die Interna der christlichen Kirche" in Antisemitenhetze zu machen! „Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären": es ist der Fluch des Separatismus, daß er, selber ein verbrechen, zu immer größern verbrechen, zum verrat an den Brüdern, zur Denunziation führt. Die Gemeinde- Orthodoxie kann das Judentum in der edelsten Weise zur Darstellung bringen; der Separatismus ist eine Karrikatur der Orthodoxie, eine Karrikatur des Judentums. — Wenn die Anklagen des Herrn Dr. Blau gegen die Separatisten noch eines weiteren Beweises bedurften, Herr Dr. Biberfeld hat diesen Beweis zu erbringen die außerordentliche Liebenswürdigkeit gehabt. — verföhnungsfag in der neuen Synagoge zu frankfurf a. JTL €in Stimmungsbild. Von einem Gemeindemifglied. in goldener Gktobertag war über Frankfurt aufgegangen. Langsam hatte die Sonne die brauenden Herbstnebel verteilt, und als wir das Gotteshaus betraten, da lugte schon die Sonne durch die kleinen Fenster der mächtigen Kuppelwölbung und warf magische Reflexe auf den weißen Vorhang, der geheimnißvoll den heiligen Schrein verhüllte. Froh nah ich dir. Du stilles Haus des Herrn, Wie liegt von hier Der laute Tag so fern! Hier stehe ich. In heißem Flehn, Und fühl um mich Den Gottesodem weh'n. Mein Beten steigt Zu ihm empor, Und milde neigt Er mir sein Ghr. Mit süßem Wohllaut, begleitet vom rauschenden .Orgelton, empfängt uns dieser Thorgesang. — Ja, „wie liegt von hier der laute Tag so fern", wie wird es so still und andachtsvoll in uns, und da sich das Gotteshaus mehr und mehr füllt, da lese ich auf allen Gesichtern dieselbe Andacht, dieselbe Freude, in