Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 235 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126535--0655-3127466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. Kibrrfeld rsntra Ar. Slmr 235 „Man frage irgend ein orthodoxes Frankfurter Gemeindemitglied, ob je feit Jahrzehnten der orthodoxen Richtung irgend etwas verweigert worden ist, was mit der Begründung eines Bedürfnisses der Orthodoxie gefordert worden ist." Dazu Dr. Biberfeld: „Wer „käme wohl auf den ketzerischen Gedanken, daß der ganze Ton der Emphase auf die Wörtchen „seit Jahrzehnten" fällt." Vor i(8?6 sei es anders gewesen. „In den Kram des Herrn Iustizrats paßt diese Feststellung freilich nicht hinein" . . . „das ganze nennt man dann: liberale Geschichtsauffassung!" Dr. Biberfelds schöpferische Phantasie ist hier wieder so erfinderisch wie möglich. Dr. Blau treibt keine Geschichte an der betreffenden Stelle. Er wirft die Frage auf: „Gb ein solch gleichberechtigtes Nebeneinanderleben der verschiedenen Richtungen innerhalb einer Gemeinde möglich ist?" Und er antwortet: Schauen wir auf Breslau, wo diese Möglichkeit seit Jahrzehnten zur Wirklichkeit geworden ist. Schauen wir auf Frankfurt a. M. rc. Man frage ic. und nun kommt die zitierte Stelle, was sagt Dr. Blau in Wirklichkeit? Ein gleichberechtigtes Nebeneinanderleben von Orthodoxie und Liberalismus ist möglich, denn seit Jahrzehnten besteht ein solches in Breslau und Frankfurt. was macht aber Dr. Biberfeld daraus? Eine liberale Geschichtsklitterung. Dr. .Biberfeld gibt seinen Artikeln das Motto von Lessing: Haß mich so viel Du willst! Doch wüßt ich gern weßwegen; Denn nicht an deinem Haß, Am Grund ist mir gelegen. Dieses Motto wird auch an verschiedenen Stellen als Refrain angebracht, aber es paßt, wie die Faust aufs Auge. Rein Wunder! Dies Motto ist das Gegenteil der Dr. Biberfeld'schen Gesinnung. Dies Motto will den Grund wissen, denn vielleicht hat der Gegner recht, und dann soll ihm auch Rechnung getragen werden. Dr. Biberfeld denkt aber im Gegenteil: der Gegner mag tausend Mal recht haben, er soll aber Unrecht Haben! „Tut nichts, der Dr. Blau wird verbrannt": das wäre das richtige Motto gewesen. Denn Dr. Biberfeld schreckt vor dem . . „Verbrennen" nicht zurück. Er versteigt sich His zur Denunziation. Dr. Biberfeld klagt nt seinem ersten Satz schon den Dr. Blau des „Drthodoriemordes" an. Eine so schwere Anklage mußte doch schleunigst bewiesen werden, Herr Dr. Biberfeld läßt sich aber hübsch Zeit mit dem Beweise. Er macht sich viel zu schaffen mit dem Zusammenhänge, der zwischen den „Berliner Religionsgesprächen" und dem Thema des Herrn Dr. Blau besteht. Herr Dr. Blau hat diesen Zusammenhang begründet. Bei den „Berliner Religionsgesprächen" wollten die liberaler! Thristen zeigen, daß sie Thristen seien: so will Dr. Blau auch zeigen, daß die liberalen Juden Juden seien. Das ist so klar, wie nur möglich. Für jeden, aber nicht für Dr. Biberfeld. Nicht weniger als drei Spalten mäkelt er herum an diesem Zusammenhänge. Man fragt sich: hat er nichts wichtigeres zu tun? wenn der Präsident den Redner nicht „zur Sache" rief, was braucht Dr. Biberfeld es zu tun? Zum Schluß entpuppt sich aber des Pudels Kern. Herr Dr. Biberfeld wußte sehr gut, was er tat, was er wollte. Es handelte sich ihm darum, eine der schlimmsten Denunziationen anzubringen, die man sich nur denken kann. Aber natürlich muß ihm Herr Dr. Blau die Sache vorgemacht haben. Zu der Behauptung der Separatisten: es gähne zwischen Orthodoxie und Neologie eine tiefere Kluft als zwischen Katholiken und Protestanten, bemerkt Dr. Blau: „wenn schon einmal in "Bezug auf unsre Richtungen auf das Christentum exemplifiziert werden soll, so liegt der Unterschied zwischen den orthodoxen und den Ürchlich liberalen viel näher." Das „wenn schon einmal" macht aber Herrn Dr. Biberfeld viel Kopfzerbrechen. Da ist „unzweideutig ein Tadel über solche Exemplifikationen herauszuhören." Nun ja, denn jeder vergleich hinkt bekanntlich. Nein, Dr. Biberfeld gibt dem Dr. Blau noch mehr recht, als er haben will. Das Christentum sei hier das besondere noli me tangere. Mit dem Christentum sei nicht gut Kirschen essen, habe Dr. Blau gemeint. Aber dann ist Dr. Blaus Begründung des Zusammenhangs mit den „Berliner Religionsgesprächen" „die eklatanteste Verletzung jener Maxime" meint Dr. Biberfeld. Auch recht. Was liegt daran? O