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Liberales Judentum · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 232

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 232 (sequence 16)
Language
German
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232 Ar. SiberfrLd contra Ar. Klau Hören wir aber auch die Erklärungen des Herrn Dr. Biberfeld. Für ihn stehen die Vereine auf einem andern Blatt und die Verbände auf einem andern Blatt. An den „Verbänden" — D. 3- ®. B. und Verband der Deutschen 3uden — nehmen die Herren Separatisten nicht teil, weil sie. . . den Behörden gegenüber als ein besonderes Judentum erscheinen wollen: das ist der langen Rede kurzer Sinn. Das ist aber keine Rechtfertigung, sondern eine .... Anklage. Das ists za, was den 'Separatisten zum Vorwurf gemacht wird: sie wolle,: nicht als eine Partei im 3udentum gelten, sondern auch nach außen hin sich vom deutschen Judentum lossagen. Roch interessanter ist die „Erklärung" für den Boykott der Vereine und Logen. „Das Reformjudentum ist krank bis ins Rkark hinein .... und so lebensschwach geworden, daß Reizmittel bei ihm durchaus angebracht erscheinen. Aber unsere Kreise .... bedürfen des Alkohols (bei Biberfeld unterstrichen!) nicht, für sie ist es ein Gift, das seine zerstörende Wirkung um so sicherer entfaltet, je ansprechender „dem liberalen Juden haben wir noch nie die Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen." Ja, hat denn Dr. Blau behauptet, daß die „Zugehörigkeit" abgesprochen wird? Ist denn Zusauunenhang und Zugehörigkeit dasselbe? Und noch mehr: ist denn „Zusammenhang mit der jüdischen Tradition, mit dem alten Judentum" dasselbe wie „Zugehörigkeit zum Judentum"? Der Unterschied ist klar. Dr. Blau sagt: Biele Orthodoxen behaupten, das liberale Judentum sei kein Judentum, und Dr. Biberseld schiebt ihm unter, er habe gesagt: Viele Orthodoxe sprechen dem liberalen Juden die Zugehörigkeit zum Judentum ab. Zugehörigkeit heißt doch auch: die Pflicht, Jude zu sein! und den Unsinn, diese „Zugehörigkeit" dem liberalen Juden abzusprechen, soll Dr. Blau „vielen Orthodoxen" zutrauen! — Und zuletzt bestätigt er, nur mit viel fanatischerem Wortschwall, die Worte des Herrn Dr. Blau: „das liberale Judentum aber, d. h. ein Judentum ohne „Jüdischkeit" rc. — diesem Gebilde erklären wir den Krieg und werden ihm nie und nimmer Wohnrecht im Hause unserer Väter einräumen." Anderes hat aber Dr. Blau auch nicht gesagt als: viele Orthodoxe sprechen dem liberalen Juden den Zusammenhang mit der jüdischen Tradition ab, d. h. ihr „Judentum ohne Jüdischkeit" sei kein Judentum. Das hat doch kein Mensch anders verstanden, konnnte kein Mensch anders verstehen: warum stellt sich Dr. Biberfeld so, als ob er es anders verstanden hätte? Ohne Zweifel: aus reiner, unbestechlicher Wahrheitsliebe, die auch dem Gegner gegenüber die Pflicht der Gerechtigkeit nie aus den Augen verliert!!! — und lockender es sich repräsentiert." Also nun haben wirs: Bne Briß-Logen: Alkohol! Iugendvereine: Alkohol! Literaturvereine: Alkohol! Nebenbei: welch widerwärtiges Bild. RIan meint wahrhaftig, Dr. Biberfeld kenne keine anderen „Reizmittel" als Alkohol. Die Herren Separatisten aber sind Abstinenzler, den giftigen „A l k o h o l" überlassen sie den kranken Reformern. Herr Dr. Biberfeld ist wirklich ein Gemütsmensch. Aber ist es denn wahr, wenn Herr Dr. Biberfeld sagt: „Aber unsere Kreise, die aus dem reich fließenden <Vuell der Thora gesunde, lebenspendende Nahrung zu schöpfen vermögen, die dort alle Substanzen finden, welche auf vernünftiger Grundlage den Organismus zu erhalten und aufzubauen vermögen, sie bedürfen des „A lkohols" nicht"? Haben denn die Orthodoxen nicht ihr, sogar sehr blühendes, Vereinsleben für Vorträge, Unterhaltung, Wohltätigkeit, sogar Frauenvereine? wenn das vereinsleben „giftiger Alkohol" ist: ist denn „orthodoxer Alkohol" weniger giftig als liberaler? Ja, zu welcher Zeit ist denn im 3udentum das vereinsleben nicht in größter Blüte gewesen: war das alles . . . „giftiger Alkohol"? Nein, sticht die Vereine sind Alkohol, sondern der Separatismus! Das ist ein böses, tötliches Gift, das auch den gesündesten Organismus totkrank machen kann. Der Separatismus ist schlimmer als Alkohol; er hat gar keine nährenden, sondern nur tätliche Bestandteile. Er ist das Gift aller Religion. Aber Dr. Blau hat den Separatisten auch den Vorwurf gemacht: „nicht einmal in: Tode wollen sie mit den nicht auf ihrem separatistischen Standpunkte Stehenden — es sei denn, daß sie zu ihrer Gemeinde beitragen — vereinigt sein." Das gibt Herrn Dr. Biberfeld wieder willkommene Gelegenheit, sich zum Verteidiger der „geschichtlichen Wahrheit" zu machen. Geschichtliche Wahrheit geht dem Herrn Dr. Biberfeld über alles. Er weist nach, daß die Separatisten gerne trotz Austritt aus der Gemeinde den Gemeindefriedhof weiter benutzt hätten. Erst als es die Gemeinden für unmöglich erklärten, daß jemand Teil am Gemeindefriedhof habe, der aus der Gemeinde ausgetreten fei, erst dann haben die separatistischen Religionsgesellschaften die Anlegung eigener Friedhöfe vorgenommen.

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