Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Ar. Sibrrfeld contra Ar. Stau integrierenden Teil der Gesamtheit sollte Dr. Blau „töten" wollen? Nein, nur vom Separatismus möchte er die Orthodoxie reinigen, die Orthodoxie an sich aber soll in ihrer alten Existenzberechtigung bestehen und anerkannt werden. Wenn Herr Dr. Biberfeld die nüchterne Wahrheit sagen wollte, so dürfte er den Dr. Blau höchstens einen „Separatismustöter" nennen. Es gehört die ganze Kühnheit der Dr. Biberfeld'schen Phantasie dazu, hier totmn pro parto hinzustellen und aus dem „Separatismustöter" einen „Orthodoxietöter" zu machen. . . „Tut nichts, Dr. Blau wird verbrannt". — Ja, die Wahrheit ist der Phantasie etwas unbequem. Aber sagt ja schon Aristoteles: „Die Poesie ist philosophischer als die Geschichte." Und so hält es Dr. Biberfeld mit der Poesie. Wie bei dieser Anklage im Ganzen, zeigt sich die schöpferische Phantasie des Herrn Dr. Biberfeld auch bei jedem einzelnen Punkte des Sündenregisters. Dr. Blau nähme eine „tiefe Kluft" in der Orthodoxie an. „Tiefe Kluft" ist Phantasie des Herrn Dr. Biberfeld. Dr. Blau weiß sehr gut, was ja kein Geheimnis ist, daß Herr Benjamin pirsch, wie auch der selige Rabbiner Ul. Horovitz, ebenso zur strengen Orthodoxie gehören, wie Breuer - Frankfurt und Kahn-Fulda, und daß sie nur in der Taktik verschiedener Meinung sind, ob es für das Gesamtjudentum heilsamer sei, in nichtreligiöser Dingen mit den Liberalen zusammen zu arbeiten oder nicht. Zitiert Dr. Biberfeld doch selbst aus Blaus Vortrag, daß man auch von den Gemeinde-Orthodoxen nicht verlangen kann, die Berechtigung des liberaljüdischen Standpunktes anzuerkennen. Nur in nichtreligiösen Aufgaben verweigern sie nicht ihre Mitarbeit, wie die Separatisten. Das sieht kein Liberaler als eine „tiefe Kluft" oder gar als „abgrundtiefe Verschiedenheit" an. Das ist Uebertreibung der Dr. Biberfeld'schen Phantasie. Aber Dr. Blau sei inkonsequent! „Nicht immer hat Dr. Blau die Gemeindeorthodoxie so freundlich wie heute behandelt." $08 auf der konstituierenden Versammlung der Vereinigung fürs Liberale Judentum habe Dr. Blau gesagt: „Wie stellt sich aber die sogenannte Gemeindeorthodoxie zum Liberalismus? Diese sagt nicht, daß wir Liberalen keine Juden sind, sie denkt aber, daß wir gerade noch, zur Not noch Juden sind, daß wir Poschim rc. seien. Besonders diesem hauptsächlich interessierenden Teile der Orthodoxie muß klar und deutlich zum Ausdruck gebracht werden: Für uns ist das liberale Judentum das Judentum, ebenso wie für euch 'das Judentum nur das orthodoxe Judentum ist. . . . Man sollte annehmen, daß sie (die Gemeindeorthodoxie) tolerant ist und sich auf den Standpunkt stellt: wenn wir nur Alles bekommen, was wir für uns für erforderlich halten, dann sollen auch die Liberalen erhalten, was nach ihrer Ansicht für sie notwendig ist — die Orthodoxie tut das aber nicht; sie beansprucht, bestimmen zu dürfen, was Judentum ist, wie weit w i r mit unfern Ansprüchen gehen dürfen, wie weit nicht, hiergegen muß Front gemacht werden." — Dazu bemerkt Dr. Biberfeld: „Diese Kriegserklärung ist m. L. unzweideutig. . . heute attestiert Herr Dr. Blau der „Gemeindeorthodoxie", daß sie sich nicht für berechtigt ansehe, den Liberalen das Judentum abzusprechen" . . . Kurz: alle die Vorwürfe, die er damals gerade gegen die Gemeindeorthodoxie schleuderte, erhebt er heute, dem Sinne nach genau so wie bamals, dem Kaliber nach heute etwas kräftiger, gegen die bösen, bösen Separatisten! Merkwürdig in der Tat, sehr merkwürdig!" Man täte dem Dr. Biberfeld sehr Unrecht, wenn man ihn für so — wenig intelligent hielte, als er sich hier stellt. Herr Dr. Blau ist sich treu geblieben. Er erkennt in den zitierten Sätzen den Orthodoxen ausdrücklich das Recht zu: „für euch ist die Orthodoxie das Judentum!" Die Orthodoxie bestreitet aber den Liberalen das Recht, ebenso zu sagen: für uns ist das liberale Judentum das Judentum! Dagegen muß Front gemacht werden. Die Liberalen müssen die Anerkennung desselben Rechts für sich seitens der Orthodoxie erkämpfen. Gegen die Orthodoxie soll demnach nie und nirgends Front gemacht werden; nur gegen den Separatismus in der Orthodoxie, gegen das Prinzip der Trennung! Wo ist hier ein Widerspruch zwischen einst und jetzt? Das liegt so klar, daß man wahrlich noch lange nicht so klug zu sein braucht, wie der Herr Dr. Biberfeld, um das einzusehen. Aber Dr. Biberfeld braucht den Widerspruch;