Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Pr. Aiderfeld rontra Pr. Bla« 229 so weit, zu. behaupten, auch vom Standpunkte des Liberalen Judentums sei die Orthodoxie ein integrierender Bestandteil des Judentums. Ls gehört wirklich eine separate — oder separatistische? — Genialität dazu, aus diesem vortrage Grthodoxiemord herauszulesen. was Dr. Blau in seinem Vortrage will, das besagt das Thema: „Dient die liberale Bewegung der Erhaltung des Judentums?" Er bejaht diese Frage, indem er den Nachweis führt, daß seit dem Heraustreten des Judentums aus dem Ghetto und dessen Eintritt in das moderne Leben das traditionelle Judentum immer mehr Anhänger an den religiösen Indifferentismus verloren habe, und dieser häufig nur eine Brücke zur Taufe sei. Dem traditionellen Judentum ist der moderne Mensch entfremdet, und so lange die Orthodoxie als d a s Judentum gelte, geht der der Orthodoxie verloren gehende Jude naturgemäß dem Judentum verloren. — Das Liberale Judentum erhebt den Anspruch, neben der Orthodoxie auch eine berechtigte Form des Judentums zu sein. Dadurch sei die Möglichkeit gegeben, daß diejenigen, die dem traditionellen Judentum den Rücken kehren, doch weiter im Judentum verbleiben. Ist das „Orthodoxietötung"? Ist ein Zurückweisen der Orthodoxie in ihre berechtigten Schranken identisch mit Töten und Morden der Orthodoxie? wer das behauptet, der müßte das wesender Orthodoxie in dem Ueberschreiten der berechtigten Schranken erblicken. Wenn das Herrn Dr. Biberfelds Meinung ist, dann ist feine Anklage allerdings weniger schöpferisch genial, sondern die einfache logische Gleichung a a: Ueb erschrecken der berechtigten Schranken Wesen der Orthodoxie, ergo Zurückweisen in die berechtigten Schranken — Grthodoxiemord. Aber gegen diese Logik wird Herr Dr. Biberfeld sicherlich Protest einlegen, also ist seine Anklage auf Grthodoxiemord geniale Phantasie. — Grthodoxiemord! Diese Anklage gegen Dr. Blau ist wirklich ein geniales Aufdenkopfstellen der Wahrheit. Ja, es ist hyxergenial! Denn wenn das Genie unbewußt arbeitet, geschieht es von Dr. Biberfeld mit voller Klarheit des Bewußtseins. Dr. Biberfeld macht dem Dr. Blau in Nr. \ des Sündenregisters selbst den Vorwurf, daß er eine tiefe Kluft im orthodoxen Lager annimnck, nämlich zwischen der „Gemeinde- Orthodoxie" und den „Separatisten". Nun beziehen sich alle Vorwürfe des Herrn Dr. Blau ausdrücklich nur auf die Separatisten, und nicht auf die Gemeinde-Orthodoxie. Nur einen einzigen Vorwurf macht er der Gemeinde-Orthodoxie, daß ihre Führer sich im Juni $0? mit den Separatisten, unter Aufhebung des „Therem" auf Bne Briß, Gemeindebund ic. in der „Freien Vereinigung" gegen den Liberalismus verbunden haben. Alles Uebrige bezieht sich ausdrücklich nur auf die Separatisten. Dr. Blau geht in der Anerkennung des wertes der Orthodoxie für die Erhaltung des Judentums so weit, daß sogar die Orthodoxie davon überrascht werden mußte. Er sagt: „Nachdem ich ic. . . . könnte ich nun an die Beantwortung der Frage gehen: Dient unsre moderne religiös-liberale Bewegung der Erhaltung des Judentums? Zuvor aber möchte ich eine Hilfsfrage behandeln, nämlich die Frage: Schadet unsere Bewegung dem orthodoxen Judentum? Denn wäre diese Frage zu bejahen, so wäre m. E. ohneweiteresdargetan,daß die religiös-liberale Bewegung dem gesamten Judentum nicht diene; denn der Schaden, der einem Teile, und wie ich vorhin als meine Ueberzeugung hingestellt habe, einem integrierenden und notwendigen Teil der Gesamtheit zugefügt wird, ist so Ipso ein Schaden der Gesamtheit" („Liberales Judentum", Juni und Zuli, S. V*0 II). Nur den Separatisten macht Dr. Blau Vorwürfe, nur dem Separatismus spricht er die Existenzberechtigung ab; die Orthodoxie ohne Separatisrnus, der die bei weitem größere Majorität der deutschen Orthodoxie angehört, deren Stimmführer gegen Samson Raphael pirsch seiner Zeit kein geringerer war, als der alte Würzburger Rabbiner Iizchok Dauw Bamberger, ist dem Herrn Dr. Blau ein „notwendiger und integrierender Teil der Gesamtheck" des Judentums. Und diesen notwendigen und