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Liberales Judentum · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 225

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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Ar. Guggerchriw: Tebrrbürdung der JusrnL im Religionsunterricht 225 lichen Ueberstunden, und ohne sie kann das Unterrichtsziel bei einem Teil der Rinder nicht erreicht werden. Das schlimmste aber ist, daß die Rinder energischer Eltern, die sich eine Ueberbürdung durch 'Ueberstunden nicht gefallen lassen, dadurch in ihrem Schüler-Tharakter verdorben werden. Die ganze Schule und die ganze Erziehung leidet unter diesen Mißständen. Fassen wir aber das Ziel des Unterrichts im hebräischen ins Auge, so müssen wir fragen: ist es denn wirklich unerläßlich, die Anforderungen an diesen Unterricht so hoch zu spannen, daß das Rind befähigt wird, am israelitischen Gottesdienst im Sinns einer religiösen Erbauung und Erziehung teilzunehmen? Ulan denke doch an den katholischen Gottesdienst, der zu einem guten Teil Gebete in lateinischer Sprache verwendet. Reinem Menschen aber fällt es ein, deshalb die jungen katholischen Schulkinder im Religionsunterricht mit Latein zu plagen; und niemand wird behaupten, daß darum dem katholischen Gottesdienst in seiner Wirkung auch nur das Geringste abginge. Der Grund ist der: eigentlich kommt es gar nicht darauf an, was man betet, sondern darauf, daß man betet. Man prüfe doch nur einmal die Gebetbücher auf den sachlichen wert ihres Inhaltes, und man wird erstaunt sein. Denn es gibt nichts Schwierigeres, als ein dickes Buch mit guten Gebeten zu füllen, die auf eine Allgemeinheit berechnet und deshalb unpersönlich sein müssen. Das Gebet ist aber wie die Rirche: man braucht nur hineinzugehen in das Halbdunkel eines weiten Domes, man braucht sich dem unverständlichen und unverstandenen Gemurmel einer frommen, betenden Menschenmenge nur zu überlassen, so taucht man in ihr unter, wie in den Rlängen eines Lhorales. Das ist der Sinn des öffentlichen und gemeinsamen Gottesdienstes: seine suggestive Rraft. Der Glaube, nicht das Wissen macht selig: bas ist der Rern der Sache.*) Man mag einwenden: der jüdische Gottesdienst ist zu einem weit größeren Teil hebräisch, als der katholische lateinisch; und es gibt wichtige persönliche Gebete, alte und *) Anmerkung dee Redaktion: Aehnlich wie der geeehrte Herr Einsender mögen vielleicht noch manche in indischen Kreisen über Gebet und Gottesdienst denken. Seine Ausführungen geben uns daher erwünschten Anlaß, solcher Anschauungsweise entschieden entgegenzutreten, da sie zumteil aus irriger Beurteilung der Tatsachen beruht, in der Hauptsache aber den Grundsätzen des Judentums als einer Religion der Erkenntnis und der Ta t — nicht vorzugsweise des Glaubens — widerspricht. Die lateinischen Gebete des katholischen Gottesdienstes sind solche des Priesters, auf deffen Handlungen und Gebetsverrichtungen es dort allein wesentlich ankommt. Soweit die Gemeinde mitbetet, geschieht es in der Landessprache. Das Lateinische im katholischen Gottesdienst läßt sich daher — ausgenommen etwa die lateinischen Chorgesänge beim Meßopfer, aus die wir nachher noch zurückkommen — mit den hebräischen Gemeind ege beten gar nicht vergleichen. Man würde deren Verfaffer beleidigen, wenn man annähme, daß sie 'Gebetstücke zu unverstandenem Hermurmeln und zur Erzeugung einer den Geist umnebelnden mystischen Stimmung verfaßt hätten. Nein, sie wollten ihren frommen Gefühlen und Neberzeugungen und denen der ganzen Gemeinde im Gebete Ausdruck geben und wünschten natürlich, daß alle Mitbetenden sich ihren Inhalt mit vollem Verständnis aneignen möchten. Gerade im Bewußtsein des Einzelnen, daß alle versammelten Gemeindegenoffen in denselben religiösen Gedanken und Neberzeugungen einig find liegt ja der Wert des öffentlichen Gottesdienstes. Das ist die Auffaffung aller Einsichtigen, nicht blos der liberalen, sondern auch der orthodoxen. Hat doch der verewigte Direktor des Berliner Rabbinerseminars, Dr. Israel Hildesheimer, in einem Rundschreiben vom Jahre 1888 an die Mitglieder seiner orthodoxen Gemeinde mit Bezug auf die von ihm geleitete Religionsschule erklärt: „Wir nehmen aus den Wunsch derjenigen Eltern, die ihren Kindern nur ein geläufiges Hersagen der Gebete angewöhnen wollen, gar keine Rücksicht. Wir würden mit der Unterstützung dieses Prinzips das Gebet der erhebenden Weihe entkleiden und es zu einem sinnlosen Lippenwerk herabwürdigen". Nur die hebräischen Gesänge im jüdischen Gottesdienst können, ähnlich wie die oben erwähnten lateinischen Meßgesänge im katholischen, schon durch die Melodie, besonders wenn sie traditionell ist, erhebend wirken und es ist deshalb nicht unbedingt erforderlich, daß auch der Text von der Gemeinde verstanden wird.

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