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Liberales Judentum · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 221

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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Ar. NsgeLstrin: Uachklänge zur Grigerfeier 221 Geschichte späht, den Wert der göttlichen Offenbarungen an den Menschengeist würdigt, daß sie zugibt, daß diese Offenbarungen nicht aus dem Menschen geboren, sondern ihm verliehen sind. Da ist es denn höchst merkwürdig, daß Geiger — obwohl er besonderen Wert aus den Umstand legt, daß die jüdische Religion nicht das Werk Einzelner, sondern das der Gesamtheit ist — des Weiheaktes, durch den Israel ein Gottesvolk oder das Volk der Offenbarung geworden, nämlich der sinaitischen Offenbarung, nirgends ausführlich gedenkt und selbst in einem mit der Ueberschrift „Die Offenbarung" versehenen Vortrage nicht mit einem einzigen Satze dieses in der Tora und dem nachbiblischen Schrifttum als allerwichtigste Manifestation Gottes an Israel bezeichneten Vorganges Erwähnung tut. Nur in dem „Die letzten zwei Jahre" betitelten Sendschreiben an einen befreundeten Rabbiner spricht er am Schlüsse von dem Offenbarungsfeste, das uns die feierlichste Erinnerung bringt und das der wahrhaft Fromme stets in jener dankbaren und weihevollen Stimmung begehen wird, die Gott für das höchste Gut darzubringen ist, mag auch die Gesetzesempfängnis einen Tag früher oder später stattgesunden haben. (Diese letztere Bemerkung bezieht sich auf den im Talmud erwähnten Streit zwischen den Gesetzeslehrern, ob die Offenbarung am Sinai am 6. oder 7. Siwan stattgefunden habe.) Und in dem Aufsätze „über Notwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes" will Geiger zwar dem Auszuge aus Aegypten als dem ersten Grundstein zur Entstehung Israels seine Bedeutung gewahrt wissen, aber den Vorrang, den er in den Gebeten einnimmt und mit dem er als Volksereignis selbst die Gesetzgebung am Sinai als ein Glaubensereignis weit überragt, ihm nicht mehr zugestehen. Weshalb im übrigen diese Schweigsamkeit? Hat Geiger Anstoß daran genommen, daß das ganzevolk, wie der biblische Bericht es darstellt, also auch die geistig und sittlich Tiefstehenden, einer plötzlichen Erleuchtung sollten teilhaftig geworden sein? Fand er darin einen Widerspruch mit seiner Auffassung, nach der in Uebereinstimmung mit einem bekannten Ausspruche des Talmud der Gottesgeist nur auf einem Weisen, auf einem Manne von sittlicher Kraft ruht und nur ein solcher, der in sich das Göttliche verspürt, fähig ist, mit dem Gottesgeiste in Berührung zu treten und das Göttliche in sich aufzunehmen? Wir können nur Vermutungen hegen, aber keine befriedigende Antwort erteilen. Keinesfalls jedoch sind wir zu der Annahme berechtigt) daß Geiger etwa aus feiger Furcht, um nicht der Häresie geziehen zu werden, seine wahre Meinung unterdrückt und ein kluges Stillschweigen vorgezogen hat. Ein solches Verhalten stände im Widerspruch mit der ganzen von Freimut und Wahrheitsliebe durchglühten Persönlichkeit Geigers. Vielleicht ist er mit sich selbst über die Eingliederung der sinaitischen Offenbarung in das jüdische Religionssystem nicht ins Reine gekommen und mochte über eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit, in der er keinen festen Standpunkt eingenommen hatte, sich nicht auslassen. Wir begnügen uns mit der Feststellung der jedenfalls auffälligen Tatsache, ohne uns berechtigt zu halten, sichere Schlüsse daraus zu ziehen. Nur wollen wir noch hervorheben, daß auch in der prophetischen und hagiographischen Literatur der sinaitischen Offenbarung nur äußerst selten Erwähnung geschieht. Wenn der Sinai genannt wird, wie im Deboraliede oder im achtundsechzigsten Psalm, so werden nur gewaltige Naturerscheinungen geschildert, die sich an den Namen Sinai knüpfen, ohne daß direkt von einer Offenbarung gesprochen

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