Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. F. Kaeck: Are Rrligisn der Zukunft 219 des schon erreichten Weges wieder beginnen, sie würde mit der predigt von den schwarzen Tiefen, von den gähnenden Abgründen die Gemüter ängstigen. Der Geschichtsschreiber des Materialismus, Friedrich Albert Lange, hat mit spottender Uebertreibung prophezeit: wenn es einmal zum Zusammenbruch unserer gegenwärtigen Kultur käme, dann würde „aus irgend einem Winkel, an den niemand denkt, etwas möglichst Unsinniges auftauchen, wie das Buch Mormon oder der Spiritismus, mit dem sich 'dann die berechtigten Zeitgedanken verschmelzen, um einen neuen Mittelpunkt der allgemeinen Denkweise vielleicht auf Jahrtausende hinaus zu begründen." Aber unsere Kultur verdient und erwartet doch wohl ein anderes Schicksal, und schließlich 'ist es das Bestimmteste noch, in unserer Frage gerade von ihr auszugehen. Man kann in der Entwicklung aller Religionen und ebenso in den wegen der Kultur gemeinsame Linien aufsuchen, um sie dann zu einem Punkte hinzuführen als den: Ziele, an dem sich die Menschen einst vereinen werden. In diesem Sinne hat vor kurzem einer der leitenden Geister in den Vereinigten Staaten, der Präsident der Harvard- Universität, Charles w. Eliot, das Problem behandelt. Die Antwort, die er darbietet, ist von einem starken Optimismus getragen, den kein Zweifel anficht, von jenem Glauben an das Menschengeschlecht, wie er der neuen Welt eigentümlich ist, in der keine bindende Vergangenheit, wie in der alten, so manche lebendige Hoffnung am Boden hält. Eliot ist überzeugt, daß wir zuversichtlich zur Zukunft der Religion Hinblicken dürfen, daß jeder, der den Weg beobachtet, deutlich sehen kann, was sie sein, was sie behalten und was sie abtun wird. Sie wird gar vieles nicht sein: sie wird sich auf keine geistliche oder weltliche Autorität gründen, sie wird nicht Priester und Laien scheiden, sie wird keine Rassen- und keine Klassenreligion sein; sie wird Gott nicht vermenschlichen, und keinen Menschen, und sei er der erhabenste, zur Gottheit erheben; sie wird weder Gnadennoch Sakramentswunder, weder magische Riten noch verstrickte Dogmen lehren; sie wird nichts von Erbsünde und nichts von ewigen Strafen wissen, sie wird nicht asketisch noch finster sein. Sie wird dafür ihren ewigen Inhalt haben: durch und durch wird sie monotheistisch sein, und sie wird Gott als unmittelbar, ohne Mittler oder Mittelwesen, in jedem Lebenden wirksam, in jeder Menschenseele sich offenbarend begreifen; sie wird human sein, die Ehrfurcht vor allem Großen und die tatbereite Liebe zu allen Menschen fordern und nur das Streben nach allem wahren und Guten predigen. Das ist also diesem Denker die Zukunftsreligion. Und was er von ihr erzählt — eine Rede über das Judentum könnte nichts anderes erzählen. Eliot weiß vom Judentum leider wenig, z. B. nicht, welchen entschiedenen Kampf es gegen die Vermenschlichung Gottes geführt hat und wie es gerade darin seiner Eigenart bewußt werden durfte und doch spricht er fast Satz für Satz rühmend von ihm, ohne es zu nennen und ohne es zu kennen. Denn was für Eliot die Religion abstreifen muß, wenn sie die Zukunft besitzen will, alles dessen hat sich eben das Judentum auf seinem Lebensgange immer erwehrt, und was sie einst werden und sein soll, das steht als unsere Lehre und unser Ideal seit altem vor uns. Auch Lliots Zukunftsbild ist so ein Beweis dafür, wofür so manche Zeichen zeugen, daß jede gerade Fortentwicklung der Religionen zum Judentum hinführt. Wir sind neben den Weltkirchen gering an Zahl, kaum zehn Millionen neben den Hunderten. Dem Wettstreit zwischen diesen, der ein geistiger sein sollte und doch meist ein' politischer ist, sehen wir nur zu. Aber