Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126535--0638-3127449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 Ar. F. Aaeck: Me Religion der Zukunft nungen doch bloß in den Kreis religiösen Kuriosums. Der Buddhismus lebt heute im wesentlichen nur noch von seiner Vergangenheit. Hingegen hat das Christentum mit seinen verschiedenen Konfessionen sein Gebiet unstreitig in der jüngsten Zeit erweitert. Das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts zeigt, nach Jahrzehnten eines gewissen Stillstandes, wieder eine Ausbreitung der Missionen und ihres Arbeitsfeldes. Aber man würde fehl gehen, wenn man darin vor allem einen religiösen Erfolg erblickte, viele Siege, die sich die Religionen zuzuschreiben lieben, gehören weit mehr — die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele — der Politik zu. Das gilt auch von diesen Fortschritten der Mission; nicht sowohl die religiöse Kraft als vielmehr die politische Macht hat sie errungen. Der Drang nach kolonialer Betätigung, der in Europa und Amerika neu erwacht ist, hat ihnen das Feld bereitet. Hatte jener geruht, so versagten auch'sie alsbald; nur sein Vordringen hat ihnen den Fortgang gebracht. Alan spricht daher mit Recht von einer Missionspolitik. Die Methode, nach der die Sachsen in der Zeit Karls des .Großen bekehrt wurden, und nach der heute die Reger in Afrika oder die Chinesen in den Settlements gewonnen werden, ist nicht durchaus die gleiche, aber politisch ist die eine wie die andere. Die staatliche Macht hält ihre predigt. Auch eines wäre wohl, wenn man die tatsächliche Kraft bemessen will, noch in Abrechnung zu bringen: wie viele nämlich auch in den alten Gebieten aus rein bürgerlicher Rücksicht und Berechnung ihrem christlichen Bekenntnis angehören. Statistisch läßt sich diese Summe nicht fassen. Doch sie wird nicht gering zu veranschlagen sein, sowohl unter den Gebildeten, deren Weltanschauung sich dem Glauben der Väter entzieht, wie auch im vierten Stand, dessen soziales Bedürfnis den anderen weg sucht, welche Subtraktion erfolgte vielleicht, wenn die herrschende Religion einmal die Stellung, die ihr der Staat gewährt hat, an eine andere abgeben müßte und ihr diese dann mit gewissen alten Methoden entgegenträte. wirkliche Missionserfolge erzielt in der Gegenwart einzig die muhammedanische Religion. Manches, was von dem großzügigen Streben, ihre Propaganda einheitlich und zielbewußt durchzuführen, von dem sogenannten Panislamismus, erzählt wird, mag übertrieben sein, aber auch dann bleibt genug Eindrucksvolles. Die Zahlen reden hier deutlich. In Indien sind allein im letzten Jahrzehnt etwa drei Millionen zum Islam übergetreten. Ebenso dringt er in China und im malaiischen Archipel stetig weiter, und er hat von dort selbst nach Australien seinen Einfluß vorgeschoben, vor allem ist es Afrika, wo er seine Siege erringt. Zwei Drittel dieses Erdteils, geographisch genommen, gehören ihm bereits an, und er schreitet beständig nach Süden vor. Und, was nicht weniger bedeutet, ein regsamer Stolz, ein Bewußtsein eigener Kraft ist im Islam vielerwärts erstarkt. Ls ist wohl nicht zu großes gesagt, wenn man einen wesentlichen Teil von den 300 Millionen, die als die Heidenwelt bezeichnet werden, als seine zukünftigen Anhänger ansxricht. Das ist das Bild, das die Weltkirchen in ihrer Ausbreitung zeigen. Auf die Frage nach der Zukunftsreligion ist davon eine Antwort kaum abzulesen. Oder, ob der allgemeine Sieg etwa einem Glauben zufallen wird, der noch werden soll? Eine neue Religion könnte nur in einem unverbrauchten Volke erwachsen, in welchem der Schatz an Naivität noch ungeschmälert, der einfältige Glaube an das All des dunklen Geheimnisses noch ungeschwächt ist. vermutlich würde darum eine neue Religion unterhalb