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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 286

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 286 (sequence 22)
Language
German
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286 Rundschau o o o o liberalen Jugend und legte die Ziele und Zwecke des Vereins dar. hierauf hielt Herr Zustizrat Bernh. Breslauer einen Vortrag über religiöses und nationales Judentum. <£v schilderte den Wert des liberalen Gedankens für das Fortbestehen des Judentums und die Bedeutung der liberalen Weltanschauung für den Einzelnen und wies auf die Gefahr des Zionismus für das deutsche Judentum hin, die besonders in der skrupellosen Agitation, die von zionistischer Seite bei jeder Gelegenheit betrieben wird, zum Ausdruck gelangt. Der reiche begeisterte Beifall, der dem Vortragenden von seinen jungen Zuhörern gezollt wurde, sowie die sich anschließende Diskussion, in der alle Redner dem Referenten zustimmten, ließen erkennen, wie sehr unsere Bestrebungen geeignet sind, auf die Zugend zu wirken. Der größte Teil der Anwesenden trat dem jüdischliberalen Zugendvereine als Mitglieder bei. Der Verein zählt an fOO junge Leute beiderlei Geschlechts als Mitglieder und wird im Laufe des Winters eine Reihe weiterer Vorträge über die verschiedensten Gebiete des jüdischen Lebens, der jüd. Geschichte und Literatur veranstalten. Kömgsbrrg. Die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Zudentum in Deutschland veranstaltete am 27. November im Artushof eine öffentliche Versammlung, in der an Stelle des durch einen Trauerfall behinderten Rabbiners Dr. Samuel aus Essen, Herr Rechtsanwalt Dr. Abraham aus Berlin einen Vortrag hielt über „Das Recht des jüdischen Liberalismus und seine Aufgaben in unserer Zeit". Er führte etwa folgendes aus: Die Vereinigung für das liberale Zudentum tritt für die Fortentwicklung des Zudentums ein. Sie unterscheidet sich ebenso von der Orthodoxie, die jede Entwicklung leugnet, wie von denjenigen Reformern, die ohne Rücksicht auf das geschichtlich Gewordene Neues schaffen wollen, was Redner mit einem Worte Abraham Geigers als „Reform ins Leere" bezeichnet. Der Kern des Zudentums, die Lehre von Gott und das in der mosaischen Lehre niedergelegte Sittengesetz bleibt unverändert; es handelt sich vielmehr um Weiterentwicklung der Formen. Zn früheren Zeiten hat man sich nicht gescheut, selbst biblische Vorschriften, die infolge der veränderten Zeitverhältnisse unwirksam geworden waren, zu beseitigen. Die Notwendigkeit von Abänderungen in der Gegenwart wurde an einzelnen Beispielen gezeigt und das Programm der Vereinigung erläutert. Die Liberalen achten durchaus die abweichenden Anschauungen der Konservativen und billigen ihnen Berücksichtigung im Gemeindeleben zu. Aber sie verlangen für sich Gleichberechtigung. Sie wenden sich entschieden gegen diejenigen, die sich selbst über alle religiösen Vorschriften hinwegsetzen, ihre Znnehaltung aber von anderen fordern. Die Vereinigung hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits viele Erfolge erzielt. Sie hat die Znteresselosen aufgerüttelt und zu der Erweckung eines regen jüdischen Gemeindelebens beigetragen. Sie will das religiöse Leben verinnerlichen und vertiefen und die Grundgedanken des Zudentums immer klarer und machtvoller in die Erscheinung treten lassen. An den Vortrag schloß sich eine mehrstündige Diskussion, Herr Kirschner gab seiner Sympathie mit den Bestrebungen der Vereinigung Ausdruck; er zitierte das Gebet des Hohenpriesters am versöhnungstage für die Bewohner Sarons, daß ihre Däuser ihnen nicht zu Gräbern werden. Das gelte auch für die Religion, man müsse Sorge tragen, daß die kommende Generation nicht dem Zudentum entfremdet werde, und daß die bereits Entfremdeten zurückgewonnen werden. Die Herren Bilewski, Feinstein und Dr. Stein griffen die Liberalen scharf an. Prof. Dr. Ellinger verteidigte den Standpunkt der Liberalen Vereinigung. Man dürfe das Züdische nicht bloß in den äußeren Formen sehen. Die große Mehrzahl sei liberal und habe den Anspruch auf Berücksichtigung und Gleichberechtigung im religiösen Leben. Zustizrat Dr. Lichtenstein weist in eingehender Darlegung die einzelnen Angriffe der Vorredner zurück. Dr. pelz erklärt, wenn der Liberalismus das Zudentum zeitgemäß gestalten wolle, so bleibe ihm nur übrig, es entweder mit dem Christentum oder dem Monismus in Uebereinstimmung zu bringen; denn das seien die „zeitgemäßen" Anschauungen. Die liberalen Rabbiner zögen nicht die Konsequenzen des Programms. Waisenhausinspektor peritz bekennt sich ausdrücklich als nicht zu den Liberalen gehörig.

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