Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 281 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Liberaler Kultus 281 rieren, als jetzt unter dem Zwang des Gesetzes. weniger einfach steht es mit Mazzoth und Schofar. Aber läßt sich Gesuch ohne Mazzoth denken? Hier haben wir einen jener historischen Kultbräuche, die gegen alle Logik lediglich durch die Jahrtausende eine mystische weihe erhalten haben, die bleibt, auch wenn der Sinn sich verliert, wir wissen, Mazzoth waren ursprünglich die Erstlinge der Gerstenernte, identisch mit dem Gmer; sie haben später eine geschichtliche Motivierung erhalten, die keiner historischen Kritik standhalten kann. Aber das Fest, das am meisten die Nationalität betont, darf sich den Luxus erlauben, eine nationale Gewohnheit zu konservieren, die hauptsächlich den Zusammenhalt der Gemeinschaft, fördern wird; ihr religiöser Nebengedanke wird für den historisch Gebildeten darin liegen, daß das Ungesäuerte die Reinheit des Judentums und des jüdischen Dauses symbolisiert. — Noch anders steht es mit dem Schofarblafen. Ursprünglich wohl das „Einläuten des neuen Jahres", hat es seit langem eine ethische Umbiegung erhalten, die ihm nicht wieder genommen werden kann. Diesen Zweck, die Erweckung zur Selbstbesinnung, wird es auch weiter erfüllen können, und zwar wirklich erfüllen, nicht bloß andeuten, — wenn nur sein Rahmen ein andrer wird! Natürlich! wenn man erst darüber „Broche macht" und Hann jede Tekioh wohlabgemessen suffliert wird, sodaß die Gemeinde fast gezwungen ist zu kritisieren oder auch in ständiger Angst schwebt, wieviel Töne schlecht geraten oder gar ganz stecken bleiben, — dann kann von Wirkung auf das Gemüt selbstverständlich nicht die Rede sein, wenn aber etwa nach einer Büßpredigt und während eines Sündenbekenntnisses, das die Gemeinde gleichzeitig leise spricht, diese gellenden jDosaunentöne in ununterbrochener Folge erdröhnen, — da möchte ich doch sehen, ob nicht auch heute noch das Wort des Amos Recht hat: „wird wohl in die Posaune geblasen, ohne daß das Volk erschüttert wird?" Soviel vom öffentlichen Gottesdienst! Nun noch einige Bemerkungen über häusliche, private Kultbräuche. Man wird begreifen, daß von unserm Standpunkt aus an der Beibehaltung der Beschneidung nicht gerüttelt zu werden braucht, und darum auch nicht darf, — nicht weil sie hygienisch nützlich ist (obgleich auch dies ein Grund für sie wäre; aber es ist unerweiskar) und nicht, weil sie biblisch geboten ist; sondern weil sie das älteste Symbol der Zugehörigkeit zu Israel und Judentum ist mit dem Nebengedanken, der schon bei Jeremia und im Deuteronomium hervortritt, daß sie die Reinheit des Herzens und die Zügelung der Begierden versinnbildlicht, welcher Vater wünscht nicht diese seinem Sohne einzuimpfen? Und welches bessere Mahnmittel gäbe es für ihn als dieses bei sittlichen Verfehlungen seines Sohnes? Und welches Körperglied bedarf mehr der Mahnung zur Selbstbeherrschung als das zu beschneidende! Lin ebensolches Mittel zur Erhaltung der historischen Religionsgemeinschaft mit religiösem Nebensinn, bedeuten für mich die Speisegesetze. Nur die sinnlosen unter ihnen sind aufzuheben. Als solche sind schon genannt das Milchmit -Fleisch-Verbot und das sogenannte Koscher-machen. Die tägliche, stündliche Anwendung dieser Bräuche bei einer der prosaischesten Verrichtungen des Lebens hindert hier auch jede neue symbolische Ausdeutung. Ebensowenig läßt sich das Verbot der totkranken Tiere, der Trefoth, samt der daraus resultierenden Untersuchung religiös begründen, — und hygienische Vorschriften bestimmt der Staat wenigstens in den Kulturländern zur Genüge; es fällt also mit den übrigen. Dagegen wird man das Blutverbot im allgemeinen und das darauf beruhende Schächten beibehalten können, das eine Mt der Motivierung des j)riesterkodex: