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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 278

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 278 (sequence 14)
Language
German
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278 Liberaler Kultus 0 O 0 existieren heutzutage eigentlich nur die vom Rabbiner vorzulesenden Kasualgebete. Hier hat sich einmal die neuschöxferische Kraft des Liberalismus zu bewähren! Der Gottesdienst wird seine Mirkung auf die spontane Religiosität nicht genügend ausüben, wenn er nicht dem Einzelnen Gelegenheit gibt, sein Herz vor Gott auszuschütten. Daß eine solche heutzutage ganz fehlt, scheint mir eine der Hauxtursachen, warum unser Gottesdienst stagniert. Alan kann sie schaffen, indem man eine kurze paufe eintreten läßt für leise Privatgebete. Dafür aber müssen, da nur die Wenigsten imstande sind, selbständig Morte für ihr Gebet zu finden, im Gebetbuch bestimmte Formeln vorhanden sein, Hier haben die wundervollen Gebete ihre Stelle, die in unsern Gebetbüchern am Anfang des Morgengottesdienstes stehen (bei Elohaj neschomoh fällt natürlich der Schluß fort), hierher Eloha;j nezör, Haschkiwenu (ohne den Schluß) ufw. hierher gehören gute Uebersetzungen mancher Ich-psalmen und piutim, hierher neue oder schon vorhandene religiöse Betrachtungen und Gedichte, — u. z. alles in deutscher Sprache! Neben diesen leisen Gebeten aber gehören hierher auch Gemeindegesänge! Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, mit welcher Inbrunst ich solche deutschen Gemeindegesänge mitgesungen habe; sie waren allerdings nicht in der steifen christlichen Lhoralform gedichtet und komponiert, sondern ebenso künstlerisch vollendet wie populär und religiös gemütvoll! Und ich bin überzeugt: sobald die Aufgabe gestellt wird, solche Gemeindelieder zu schaffen, wird eine unübersehbare Literatur darin entstehen in unserm so musikalisch veranlagten und so stark religiös empfindenden Volke. — Hier also hat m. E. der Thor zu schweigen oder doch nur die Gemeinde zu führen. Mo die Andacht spricht, tritt die Kunst bescheiden zurück; sie ist im Gotteshause Dienerin, nicht Selbstzweck. Helfen, vorbereiten kann, darf und soll sie; was mehr ist, ist vom Uebel; zu rein ästhetischer Erhebung ist der Gottesdienst zu heilig. Den Anfang des Gottesdien st es bildet natürlich weiter Mäh tobu. Aber die vielen Psalmen unsres Morgengottesdienstes sind ganz zwecklos, ja schädlich: sie leisten nur der Unpünktlichkeit Vorschub. Einer von ihnen, ein Hymnus, etwa der V$8. oder \50. psalm, oder auch abwechselnd heute dieser, nächstes Mal ein andrer, bildet gesungen eine gute Einleitung. Ueberhaupt gehören die leisen Gebete nicht in die von uns angenommene erste Hälfte des Gottesdienstes, nur das individuelle Gebet darf und muß z. T. leise sein; das fordert die Keuschheit und Intimität, die dem persönlichen Verhältnis zu Gott anhaftet. (Daher auch das laute Sündenbekenntnis widerlich ist.) Leise beten, damit es schneller geht, ist unwürdig und unnötig, da es nach dieser Neuordnung keine gleichgiltigen Gebetstücke mehr gibt. Gb dann der Kantor das Schema mit seinen Lobsxrüchen rezitiert, oder der Rabbiner es liest, ist eine sekundäre Frage. Ebenso ob der Schluß von dem wundervollen Glenu gebildet werden soll mit anschließendem Kaddisch (das natürlich nur einmal im Gottesdienst Vorkommen darf u. z. als ein Abschlußgebet), oder ob man diese 2 Gebete an den Schluß der Tefilla verweist und wie zur Zeit des 2. Tempels mit dem priestersegen schließt. Dagegen sollte es wieder Sitte werden, daß nach jedem Gottesdienste die Eltern ihre Kinder segnen, u. z. wenn möglich noch in der Synagoge! Diesen Brauch halte ich nicht nur (wie wohl jeder mit mir) für einen sehr schönen, weil er von Herz zu Herz das Band 'der Liebe knüpft; ich halte ihn auch für außerordentlich wichtig — nach jeder Richtung: er wirkt auf die Religiosität

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