Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Liberaler Kultus 277 unserm 'Gebetgottesdienst überbrücken wollen; sie ist tatsächlich! nur durch die Macht der Gewohnheit zu begreifen. Auch die Belehrung hat im Laufe der Jahrhunderte Formen angenommen, die aller Vernunft Hohn sprechen. Wer versteht denn diese Belehrung? Und wenn man sie sprachlich versteht, oder in Ermangelung davon, besonders eifrig, die deutsche Übersetzung mitliest, — sträubt sich da nicht den meisten das Haar über die Dinge, die sie da ausgesprochen finden? Wir sind nun einmal noch weit von der Zeit entfernt, wo alle Söhne Israels Gottesgelehrte sind. Einen „poscheten" Menschen aber frage man nur einmal, was er sich denkt bei den Opfergesetzen, den unendlichen Wiederholungen und Aufzählungen im Deuteronomium und jDriesterkodex, — ganz zu geschweigen von den Erzählungen und Gesetzen, die geschlechtliche Verfehlungen, Krankheiten, Aussatz usw. betreffen. Nein! Fort mit dieser herkömmlichen Art, die Torah ganz und hebräisch vorlesen! Ein einheitlich in sich geschlossener Absatz von wirklich religiösem Interesse ist hebräisch zu lesen und dann sofort in die Landessprache zu übersetzen! Ob diese Auswahl ein für alle Mal festgesetzt werden soll, oder ob dem Rabbiner dabei vollkommene oder geringere Freiheit zu lassen ist, damit er eventuell seine predigt daran anknüpfen kann, — darüber mag die legislative Versammlung besondere Erwägungen anstellen! Ebenso und aus demselben Grunde auch darüber, ob die Haftarah sich sofort an die Torah-Vorlesung anschließen soll. Doch darüber, daß auch die herkömmliche Auswahl der Haftarah ganz unbrauchbar ist, sollte es ebenfalls nur eine Meinung geben! Was interessiert uns irgend ein beliebiges Stück, in dem zufällig auch der Name des Melden der Torahvorlesung vorkommt? Wie toll für unsre Begriffe die Prinzipien sind, nach denen die herkömmlichen Haftaroth ausgewählt sind, ersieht man am besten daraus, daß die ganze Erzählung von Salomos Tempelbau mit all ihren unübersetzbaren technischen Ausdrücken und Textfehlern vorgelesen wird — natürlich auf mehrere Tage zerhackt — und nur ein Stück daraus nicht: das große Gebet Salomos, das einzige Stück darin, das uns zu erbauen vermag! — Fort also gleichfalls mit der herkömmlichen Haftarah! An ihre Stelle treten wiederum naturgemäß einheitlich in sich geschlossene Abschnitte mit einem Inhalt, der ohne viel Erklärung allgemein verständlich ist und erhebend wirkt. Diese Stücke sind aus prophetischen Schriften so gut wie aus den Hagiograxhen zu wählen! (Denn warum sollten diese uns weniger als jene bedeuten?) Und sie haben entweder an die neu zu bestimmenden Torahabschnitte anzuknüpfen, — und zwar in einer Weise, die unserm modernen Empfinden entspricht; oder wir haben sie in einer guten Auswahl hintereinander zu lesen, — wie das z. B. in Braunschweig und wohl auch in noch andern Gemeinden mit dreijährigem ZyAus geschieht. — Sehr zu erwägen ist, ob nicht auch aus der nachbiblischen Literatur, besonders der erbaulichen und religionsphilosophischen, einzelnes vorgelesen werden soll, — wofür eine Auswahl erst noch zu schaffen wäre. Die Herzensxflichten, das Buch der Frommen, der Führer der Irrenden, der Kusari, enthalten manches Stück, das in seiner Weise ebenso stark auf unsre Religiosität wirken kann wie die Bibel in ihrer Weise. Und in der „Heiligkeit" ist doch wohl für hen Liberalen kein Unterschied zwischen biblisch und nachbiblisch! An die Belehrung schließen sich die individuellen 'Gebete. Von diesen