Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberaler Kultus o » o v 276 einen grenzenlosen Wirrwarr. Ein kon- - sequent vorgehender Liberalismus muß auch darin Wandel schaffen. Insbesondere sind die Gemeinschaftsgebetteile von den individuellen zu sondern, von jeder dieser Gruppen haben wir 2 Teile: Bekenntnis und Gemeinschaftsgebet (Schema und Tefilloh; denn diese hat tatsächlich die Gemeinschaft zum betenden Subjekt) — und Belehrung (die sich ja an den Einzelnen wendet) und individuelles Gebet. Diese sind nun so zu ordnen, daß die Gemeinschaft voran geht: so ist es herkömmlich und auch richttg. Denn sie ist der Wurzelboden für den Einzelnen, und so entsteht eine Ulimax an religiöser Erbauung, die ja das Wichttgste am Gottesdienst ist und mit welcher er daher ausklingen muß. Der Gottesdienst wird also nach einigen einleitenden, Stimmung erzeugenden Gesängen der Reihe nach bringen: das Bekenntnis, die Tefilloh, die Belehrung und Individualgebete. was den Inhalt dieser Teile anbetrifft, so ist es ja sehr gewagt, an dem Bekenntnis etwas ändern zu wollen. Nichtsdestoweniger weiß ich nicht, ob eine legislattve Versammlung nicht den 2. Absatz des Schema durch einen andern ersetzen darf und dann auch muß. Die Lehre von Gottes Gerechttgkeit ist ja zwar die wichttgste des Judentums nächst der vom Monotheismus. Aber die dort beliebte naive Vergeltungstheorie widerspricht sowohl unsrer religiösen Ueberzeugung, wenn man sie nicht stark homilettsch umdeutet, als auch dem Zustand der Zerstreuung Judas. — Ebenso verdienen die Lobsprüche vor und nach dem Schema eine starke Abänderung. Die kleine Aeduschoh im Morgengebet fällt ja von selbst; denn die Wiederholung von Gedanken, Worten und Gebeten in demselben Gottesdienste, an 'sich nur geschichtlich zu begreifen, ist ja sogar schon den 'Orthodoxen unerträglich. Es ist aber auch zu erwägen, ob nicht die Gedanken über Morgen und Abend und Licht und Finsternis eine Vertiefung in der Richtung des modernen Denkens vertragen und erheischen. — Umgekehrt verdient das Emeth eine starke Abschwächung. Die Entstehung des Volkes Israel als des Trägers der Gottesidee, das ist das würdige Thema, das sich an 'den 3. Absatz des Schema anschließt; von unfern Feinden wollen wir lieber schweigen, — noch mehr als das schon in vielen liberalen Gebetbüchern geschieht. Auch in der Tefilloh muß ein weites bsinausgehen über diese gefordert werden. An die Wiederbelebung der Toten glaubt ernstlich heute nicht einmal mehr der Orthodoxeste und ebensowenig an das Sechstagewerk der Schöpfung. Diese Gedanken dürfen in keinem liberalen Gebetbuch stehen bleiben! Man kann die Ab^ sätze Wajechullü und Weschomeru allenfalls singen, als Zitate. Aber als Begründung für die Heiligung des Sabbat dürfen diese Abschnitte nicht länger figurieren. Und ebenso muß die Wiederbelebung der Toten durch den Unsterblichkeits- und Messiasglauben ersetzt werden. — Noch tiefer einschneidend aber ist, daß auch an Sabbaten und Festtagen morgens nur eine Tefilloh gebetet werden darf! Und zwar muß sie, da sie zu den Gemeinschaftsgebeten gehört, vor der Belehrung stehen; fallen muß also das Mußafgebet. (Selbst aus dem Mußaf für Neujahr braucht nur das Olenu zu bleiben, als individuelles Gebet; allenfalls können die schönen LieMonotü-Verse aus Jer. 3\ ins Schacharith übernommen werden.) Denn das Mußaf ist teils ganz leere Wiederholung des Schacharith, teils Erinnerung an den alten Opferdienst. Ich habe nie die Halbheit der jetzigen liberalen Gebetbücher verteidigen können, welche durch Worte den Gegensatz zwischen dem alten Opfer- und