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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 275

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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Liberaler Kultus 275 ferem liberalen Nachwuchs bitter Ernst ist mit seinen Bestrebungen, Förderer und Verfechter des Judentums zu sein. Im Grunde Ihres Herzens werden Sie mir daher zustimmen, wenn ich sage: Wir brauchen die Rabbiner als unsere Führer. Sie sollen dafür sorgen, daß das Judentum frisch bleibt und jugendstark; sie sollen dafür sorgen, daß nicht durch unnützes Bekämpfen die Kräfte zersplittert werden. Und so hoffe ich, daß sich auch bald ein weg finden wird, den wir gemeinsam fürbaß schreiten können zur Ehre und zur Erhaltung des Judentums^ das uns allen so teuer ist. Magdeburg, im November Dr. med. Winter. liberaler Xultus. Von einem jungen Rabbiner. IV. Den größten Teil des Kultus wird im liberalen Judentum der öffentliche Gottesdienst einnehmen. Da gibt es nun gleich bei der äußeren Form desselben das Problem der hebräischenSprache. Das Programm der liberalen Vereinigung sagt möglichst undeutlich: „Der deutschen Sprache ist ein möglichst breiter Raum zu gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finden." Aber wie breit soll der Raum des Deutschen sein? Daß die hebräische Sprache niemals aus dem öffentlichen Gottesdienst schwinden darf, als eins der wichttgsten Mittel zum Zusammenhalt und damit zur Erhaltung der Gemeinschaft, halte ich für allgemein zugestanden. Sogar die Berliner Reform hat wenigstens einige hebräische Sätze beibehalten, aber ohne jedes haltbare Prinzip. Dies ergibt sich aber aus den .Zwecken des Gottesdienstes von selbst. Tatsächlich sind ja die 2 Hauptzwecke desselben, die Förderung der Gemeinschaft und die persönliche Aussprache mit Gott, durch den Inhalt der Teile des Gottesdienstes Voneinander getrennt. Es ist aber klar, daß die hebräische Sprache als Mittel zur Erhaltung der Gemeinschaft für diejenigen Teile am besten paßt, die eben 'denselben Zweck verfolgen, welche die Gemeinschaft (5chlufj.) zum Subjekt und Objekt haben; und ebenso klar, daß die Teile, die für den Einzelnen bestimmt sind, für die Landessprache reserviert werden müßten. Wie diese Teile zu gruppieren sind und welches sie überhaupt sind, lehrt die Geschichte. Entwickelt hat sich der jüdische R)ort-Gottesdienst aus dem Bekenntnis der prophettschen Gemeinde im EM. Dieselbe sprach als Bekenntnis, im bewußten Gegensatz zum Heidentum und um sich zu erhalten als Sondergemeinschast in dem Völkergemisch Babyloniens, das Schema. An das Bekenntnis, das sicher schon ftüher mtt einigen Einleitungs- und Schlußworten erweitert war, den Rudimenten unsrer Lobsprüche, schloß sich zur Zeit des 2. Tempels zunächst das nattonale Gebet an, zeittich zusammenfallend mit dem täglichen nattonalen Opfer. Infolge von Esras und Nehemias. „großer Versammlung" (am 2%. Tischri r>. Lhr.) wurde daran eine religiöse Belehrung angeknüpft. Individuelle Gebete waren lange überhaupt nicht vorgeschrieben; sie wurden wohl an den Hauptgottesdienst nach Belieben angeschlossen. Später nahm man dazu die privaten Gebete einiger Talmndisten und flocht sie bei Gelegenheit ein, z. T. setzte man sie an den Anfang. Diese allmähliche Entstehung, bei der Wiederholungen unvermeidlich waren, erzeugte

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