Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126537--0696-3127431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

274 Offener Srirf nn Nabbiner Ar. Werner nach dem vorhergesagten auch nur als Legende erscheinen — niemals ist das in unseren Reihen dekretiert oder beabsichtigt worden. Ls fällt uns schwer bei den heutigen Zeiten den Sabbath zu halten; das wissen Sie, der im Leben steht, ganz genau; trotzdem soll er für den, der es ermöglichen kann, in althergebrachter Weise gefeiert werden; allerdings soll eventuell für die Zukunft dafür Sorge getragen werden, daß für das große Heer derer, die einen Sabbath nach altem Neuster wegen ihrer Tätigkeit in Geschäften nicht feiern können, noch außerdem ein Gottesdienst geschaffen wird. Daß wir am Sonnabend fahren müssen, warum soll uns bei den heutigen Lntfernungen ein Vorwurf daraus erstehen? Auch daß wir das rituelle Lssen aufgegeben haben, ist dieses Geständnis so ungeheuerlich, wo es doch einmal zur Tatsache geworden ist? Als Arzt muß ich ja sagen, daß wohl sämtliche Regeln der Hygiene maßgebend waren für unsere alten Speisegesetze; andrerseits aber kann ich auch nichts Unhygienisches bei den heutzutage geltenden strengen sanitären Vorschriften für Lebensmittel finden, so daß ich vom ärztlichen Standpunkt nichts dagegen einwenden könnte. Sie sagen ganz richtig, Herr Dr., daß der Arzt nicht die Krankheit, sondern den Kranken behandeln muß. Ich muß aber noch hinzufügen, daß ich als Arzt lieber ein ganzes Glied amputiere, als daß ich den ganzen Körper zu Grunde gehen lasse. Wie viele gab es nicht, die der Ansicht waren, wenn sie die Speisegesetze oder den Sabbath nicht mehr hielten, dann wären sie auch keine Juden mehr und wieviele Indifferente haben dem Judentum den Rücken gekehrt, weil sie glaubten, wer die Gesetze nicht hielte, hätte mit dem Judentum nichts mehr gemein. Daher hält das liberale Judentum es für seine Pflicht mit aller Rlacht darauf hinzuweisen, daß man auch ohne diese typischen Speisegesetze ein guter Jude sein kann — es trennt sich von ihnen und von ähnlichen Beschwerden, weil es der gesamten Iudenheit nützen will. In solcher schweren Zeit wäre es daher vor allem Pflicht der Rabbiner die Dinge sehen zu wollen, wie sie liegen und uns zu helfen. Ls geht nicht an, Herr Dr., äußerlich an den uralten Ueberlieferungen in orthodoxer Weise festzuhalten und sie für dringend notwendig zu erklären und dennoch die Dinge in den Gemeinden ihren Gang gehen zu lassen, wie sie gehen, der Neuzeit Konzessionen zu machen durch stillschweigende Duldung aber sobald von den Dingen gesprochen wird, sich auf den non p088nnin8 - Standpunkt zu stellen. Hier heißt es Farbe bekennen. Warum sollten verschiedene Gesetzesvorschriften, die doch schließlich im Laufe der Zeit von einzelnen alten Rabbis als bestimmend vorgeschlagen und sich später als die Norm entwickelten, nicht von den heutigen Rabbinern, wenn sie als nicht zum Religionsgesetz gehörig betrachtet werden, auch offiziell abgeschafft werden? Haben denn die Herren Zunz, Geiger, Stein, Graetz u. n. a. nicht zur Genüge nachgewiesen, wie , vieles erst im Laufe der Zeit entstanden ist, und sollen wir unseren heutigen Rabbinern nicht das Vertrauen schenken, daß zur Lrhaltung des Judentums das gestrichen werden muß, was seiner Weiterentwickelung nur schädlich und hinderlich sein kann? Das sollten auch Sie bedenken, Herr Dr., wo eine neue Vereinigung in die Arena tritt, als deren Wortführer Sie sprechen. Orthodox-liberal gibt es nicht, und so wenig Wasser mit Feuer sich menget, so wenig werden sich je diese beiden Weltanschauungen vereinigen lassen. Aber dulden könnten sie sich und anerkennen, daß sie im Ziel einig gehen: dem Streben nach Lrhaltung des Judentums. Und schließlich haben Sie ja auch in Rlünchen, wo Sie als eifriger Förderer der Licaria bekannt sind, zur Genüge gesehen, daß es un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.