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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 273

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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Offener Brief an Rabbiner Ar. Werner 273 Last erscheinen zu lassen oder soll sich der Mensch freudig der Religion in die Arme werfen und sie als Lust betrachten? „Dienet freudig dem Herrn!", so heißt es in den Psalmen; wie aber soll der das tun, der der Ueberzeugung ist, daß viele religiöse Gebräuche erst im Laufe der Zeit entstanden sind und heute unzeitgemäß sind und so manches, was wir in der Bibel lesen, mit den unwiderleglichen Forschungen der Wissenschaft absolut nicht in Einklang zu bringen ist und oft dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Oder glauben Sie, geehrter Herr Dr., wirklich, daß die Welt in 7 Tagen geschaffen ist, oder daß die Sonne s. Z. in Gideon stillstand, oder daß Gott wirklich zu den großen Propheten geredet hat, oder betrachten Sie, wie ja auch Ihre großen Lehrer, zu deren Füßen Sie gesessen haben, vieles für allegorisch und übertragen und die Bibel als göttlich inspiriertes Werk von Menschenhand? Oder soll ich Sie, da Sie doch in der jüdischen Wissenschaft als Forscher bekannt sind, erst daran erinnern, daß zu allen Zeiten das jüdische Religionsgesetz, je nach den Umständen, verschiedentlich ausgelegt und betätigt wurde, wie z. B. statt der Opfer später Gebete, statt der Jurisdiktion der Rabbiner in religiösen und zivilen Sachen völlige Abschaffung beider zur Zeit der Emanzipation? Doch abgesehen davon werden wohl Sie als Rabbiner einer der größten Gemeinden Deutschlands neben dem Guten die unzähligen Schäden der streng orthodoxen Anschauung kennen gelernt haben, wie sie vielfach zu schweren Ronflikten im eigenen Hause zwischen Eltern und liberaler empfindenden und handelnden Rindern Veranlassung gibt, wie auch oft nur im Ausüben der äußeren Religion die ganze Herrlichkeit besteht und das Herz kalt dabei bleibt. Jedoch zugegeben, daß der Orthodoxe ein in jeder Beziehung einwandfreies Leben führt, wer verwehrt ihm denn das? Sind wir Liberalen denn diejenigen, die nun sagen: Ihr müßt Euch nach uns richten oder hören wir es nicht fortgesetzt von jener Seite: Ihr seid ja gar keine rechten Juden mehr? Und gegen diesen Vorwurf können wir nicht scharf genug protestieren. Es ist grundfalsch, zu behaupten, Herr Dr., daß wir Liberalen keine andere Autorität als unsere Zeit anerkennen. Nicht ist, wie Sie meinen, für uns die Autorität der Bibel oder unsere tausendjährige Vergangenheit gestrichen worden, sondern unser Alpha und Omega ist und bleibt der Sittenkodex der Bibel, bleibt das Sch’ma Jisroel, bleibt das Streben uns als Juden zu fühlen und zu betättgen, nur daß wir das Zeremoniell mit unserem religiösen und ästhettschen Empfinden in Linklang bringen wollen. Sie sind der Meinung, daß das Gesetz der Freiheit und Willkür unser Programm ist, und daß deshalb dem Judentum der Zerfall drohen könnte, weil ein jeder von uns feine eigene Religion hat. Aber ist unser Gottesdienst nicht — trotz mancher auch in Ihrer Gemeinde eingeführten Rultusveränderungen oder trotz mancher noch zu erstrebender Veränderungen — echt jüdisch, positiv - historisch - jüdisch? wenn verschiedentlich Gebete gestrichen sind, weil sie schwer verständlich sind, sollen wir etwa Unverstandenes beten und soll uns daraus ein Vorwurf entstehen? Infolge der Gleichgülttgkeit der früheren Jahrzehnte, woran unsere Lehrer auch nicht so ganz unschuldig sind, besteht ja ein Mangel in den Renntnissen der jüdischen Sprache und Gesetze. Das ist jetzt anders geworden, und alle Gemeindeverwaltungen lassen sich die Erziehung der Jugend zu guten Juden besonders angelegen sein. Es ist also nichts mit dem Zurückresx. verdrängen des Jüdischen aus den Gotteshäusern. Auch die eventuelle Abschaffung des Sabbaths wird Ihnen wohl

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