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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 272

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
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272 Offener Krrrf an Rabbiner Ar. Werner dem Jüngeren Bruder, der kaum Barmizwoh ist. Line erhöhte Wertschätzung der Frau auch im religiösen Leben gerade in unserer Zeit wird von der Jugend gewiß mit Freuden gutgeheißen werden. Aus all dem scheint wohl zu erhellen, daß die jüdische Jugend sich voll und ganz auf den Boden des Programms des liberalen Judentums stellen kann, und nur die Zeit herbeiwünschen und dem Tag entgegenhoffen wird, an dem die liberalen Ideen zur Durchführung gelangen werden. Aber mit hoffen und wünschen allein ist der Sache nicht gedient. Wenn erst die liberale Bewegung ihren Weg in die weitesten Kreise der jüdischen Jugend genommen hat, so wird es an dieser sein, für die hohen Ideale mit jugendlicher Begeisterung einzutreten und all den Gegnern, von welcher Seite sie auch kommen, die Spitze zu bieten. Wir wollen nicht engherzig und intolerant sein und die Juden der andern Richtungen nicht neben uns anerkennen, aber wir verlangen auch, von ihnen anerkannt zu werden, nicht nur als Gegner, sondern auch als — Juden. Der Kampf mag nicht leicht sein, denn der Gegner sind noch gar viele, und wie dem gesetzten Alter der ruhig prüfende verstand und die Erfahrung des Gebens als Bundesgenossen zur Seite stehen, so mag die Jugend ihren ungetrübten Idealismus und ihren feurigen, frischen Optimismus zum Helfer in diesem Kampfe sich erwählen. „Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden Und wirft er Eis und Schnee umher, Ls muß doch Frühling werden." Offener Brief an 6errn Rabbiner Dr. Wernerlllündien. Sehr geehrter Herr Rabbiner! Mit großem Vergnügen habe ich das Referat über Ihre Rede „Unser Zweck und Ziel" betreffend die Freie jüdische Vereinigung gelesen; mit noch größerem Interesse hätte ich aber das belebende Wort eines so bedeutenden Redners vernommen, der noch dazu von Begeisterung für das Judentum durchdrungen ist und als einer seiner hervorragendsten Führer gilt. Iwri onochi — ein Jude bin ich — das war der Brennpunkt Ihrer Gedanken, und von ihm aus ließen Sie die Strahlen Ihres Geistes blitzen, um Frieden zu verkünden beiden extremen Parteien gegenüber. Wäre ich zugegen gewesen, ich hätte Ihnen gegenüber an Ort und Stelle meine Gedanken zu dem Thema entwickelt; so aber soll es auf diese Weise geschehen. Ls ist ja eigentlich selbstverständlich, daß Sie der Orthodoxie als der alteingesessenen Mater des Judentums hohe Sympathie entgegenbringen. Und wer hätte denn nicht Ehrfurcht vor Jenen, die mit ihrem ganzen Denken und Empfinden in dem althergebrachten und überlieferten Gesetze leben und sich nur glücklich fühlen hier auf Erden in dem Bewußtsein, daß ihr ganzes Sein ein. Gottesdienst ist, daß sie zu Ehren Gottes und der Religion hier leben und einst im Jenseits die Früchte ihrer Frömmigkeit ernten werden? Diese Leute kennen allerdings keine Schwierigkeiten und Konflikte im Leben; sie leben in dem Gedanken, daß der Jude nur die Gesetze der Tradition zu halten hat, selbst wenn sie im Gegensatz zur Wissenschaft, zu ihrem evtl. Empsinden und zum Leben selbst stehen. Run aber empsinden andere, und zwar ist es die weitaus größte Anzahl aller westeuropäischen Iuöen, anders; sie sprechen: Ist denn wirklich die Religion dazu da, um dem Menschen das Leben zu erschweren und sie als drückende

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