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Liberales Judentum · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 271

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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Otts FrirdLarnder: Jüdische Jugend und liberales Judentum 271 Gotteshauses direkt ausschließt? Und es lassen sich noch ungezählte Beispiele dieser und ähnlicher Art anführen, die zeigen, daß die Abschaffung unzeitgemäßer Sitten und veralteter Bestimmungen ein dringendes Erfordernis unseres modernen Denkens und Gebens ist, ja sogar vom gesunden Menschenverstände, oder von der Toleranz direkt verlangt wird. Und die jüdische Jugend wird nicht so engherzig und rückständig sein, sich den Forderungen des Gebens, des Verstandes und der Toleranz zu widersetzen. — was die zeitgemäße Ausgestaltung des Gottesdienstes anbelangt, so kann gerade hier die jüdische Jugend die hauptsächlichste liberale Forderung, der deutschen Sprache einen breiten Raum zu gewähren, nur mit großer Freude begrüßen. Nicht wäre es im Sinne der jüdischen Jugend, die hebräische Sprache ganz aus dem Gottesdienste auszuschalten, aber einerseits sind die Anforderungen der Schule heute so große, daß dem Unterricht in der hebräischen Sprache nur ein kleiner Raum eingeräumt werden kann, und somit eine gründliche Kenntnis nicht zu erzielen ist, und andererseits ist doch nun mal die deutsche Sprache unsere Muttersprache, und somit die Sprache, in der wir denken, fühlen und dichten, und daher hat diese Sprache auch im Gottesdienste ihren Platz zu beanspruchen. Den meisten deutschen Juden der jüngeren Generatton jst ein rein hebräischer Gottesdienst ein toter, während ein Gottesdienst, der die Grundgedanken des Judentums in hebräischer Sprache bringt, die soweit uns eben bekannt sein muß, der aber außerdem unsere Muttersprache zu ihrem Rechte kommen läßt, ein Gottesdienst ist, der uns zu Herzen gehen kann und uns zu erheben und zu erbauen vermag. Ein' kurzer Gottesdienst in hebräischer und deutscher Sprache, den wir verstehen, und an dem wir uns auch akttv beteiligen können, ist mehr w.ert, als ein langer, rein hebräischer Gottesdienst, dem wir aus Mangel an hebräischen Kenntnissen und aus dem Unvermögen heraus, in hebräischer Sprache zu fühlen, zum größten Teile fremd gegenüber stehen. Also auch auf dem Gebiete des Gottesdienstes, sowohl in der teilweisen Einführung der Muttersprache, als auch in andern zeitgemäßen Reformen, wie in der musikalischen Ausgestaltung, dem Fortlassen unzeitgemäßer Gebete und Gebetsabschnitte u. a. m. würde die Jugend das liberale Programm gewiß nur freudig begrüßen dürfen. — Und daß gerade die Jugend verlangt, daß die gesicherten Resultate der Wissenschaft anerkannt und berücksichtigt werden, wird ihr kein gerecht Denkender verargen können, denn ein Dualismus zwischen der alten Lehre und den neuen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung wird mit einem Siege der Wissenschaft enden, vermag doch auch das Judentum sich fortzuentwickeln, und ohne von seinen Grundgedanken auch nur ein Iota aufzugeben, die wissenschaftlichen Entdeckungen mit seiner Lehre zu verknüpfen, und wenn wir z. B. die Schöpfungsgeschichte als ein schönes Mythos in den Sagenkreis versetzen, so stehen die Grundpfeiler der jüdischen Religion nach wie vor sicher und fest, wie das Firmament auf des Atlas Schultern. Wenn also auch in dieser Hinsicht das liberale Programm sich durchgesetzt hat, so gehören auch damit die häufigen Gegensätze zwischen Schule und Elternhaus der Vergangenheit an, und daß die Segnungen dieses Friedens der Jugend zum größten Nutzen gereichen werden, weiß auch diese und erhofft schon deswegen den Frieden und Ausgleich auf diesem Gebiete. — Und wenn die männliche Jugend zuletzt noch zum letzten Punkte des liberalen Programms ihre Ansicht und Hoffnung äußern darf, so wird sie gewiß auf dem Standpunkt stehen, daß der Mutter und der älteren Schwester zum mindesten wohl dieselbe Wertung im Gottesdienste zußeht, wie

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