Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Otto Friedlaender: Jüdische Jugend und Lidrrairs Judentum o o o o. gleich gefährlichen Faktor werden. Aus unserem Inneren heraus fühlen wir nicht nur oft die Berechtigung, sondern auch die Notwendigkeit, alte Erscheinungsformen, die in sich die Grundgedanken des Judentums bergen, durch umgestaltete oder neue zu ersetzen, und dies umso mehr und mit mehr Recht, wenn die alten Erscheinungsformen die Grundideen nicht nur bergen, sondern, was oft der Fall ist, verbergen, sollen wir da aus Pietät gegen die alte Form den Inhalt von uns fernhalten? wie wir kein Bedenken tragen werden, einem berühmten Gemälde, das in einem Milieu hängt, das es zu erdrücken droht, selbst wenn es schon uralte Jahre dort seinen s)latz hat, den j)latz einzuräumen, auf dem es in einem geeigneten Milieu zu richtiger Geltung gelangt, so dürfen wir auch nicht zaudern, die Erscheinungsformen, die ihre Grundprinzipien uns zu verschließen drohen, zu beseitigen und durch Formen zu ersetzen, die imstande sind, den Grundkern uns näher zu bringen. Gerade die Jugend braucht Erscheinungsformen für religiöse Gedanken, die mit den Erscheinungsformen der sonstigen modernen Gedankenwelt harmonieren, denn sie kann die Ideen nur in der einmal gewohnten Form in sich aufnehmen, und das moderne Leben wird sich schwerlich den veralteten Formen anxassen, sondern verlangt das umgekehrte und darf es verlangen. Und wenn wir uns diesem verschließen, dann haben wir oft Form ohne Inhalt oder zumindest mehr Form, als Inhalt. U)ir wollen nicht brechen mit all den alten Erscheinungsformen, denen die Zeit ein gewisses Bürgerrecht verliehen hat, aber wir müssen stets betonen, daß dieses Bürgerrecht kein absolutes ist, und daß wir Formen ändern, nur um uns den Rern zu erhalten, wir können uns gerade hierbei nicht entschieden genug gegen den von orthodoxer Seite gemachten Vorwurf, wir wollten nur einreißen und nicht aufbauen, verwahren. U)ir reißen veraltete Erscheinungsformen ein, und ersetzen sie durch neue, die zu unserer sonstigen Gedanken- und Gefühlswelt nicht in Aontrast stehen, sondern mit diesev harmonierend, uns die Grundideen erhalten. Ein Haus, das in dem alten augenblicklichen Zustand für mich nicht zu brauchen ist, versuche ich umzubauen, und ist dies völlig unmöglich, so errichte ich auf derselben Stelle ein neues Haus, das seinen Zweck erfüllt und ihm nicht zuwider läuft. „Das alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen." Es gibt viele Bestimmungen, die in alter Zeit gewiß wohl am Platze waren, aber mit unserm modernen Leben sich nicht mehr vertragen können. Und gerade auf diesem Gebiete bleibt, soviel auch schon dem modernen Zeitgeiste hat weichen müssen, noch viel zu reformieren. Mit all diesen äußerlichen Gebräuchen, Vorschriften und Sitten, die heuteveraltet und abgestorben sind und keine Existenzberechtigung mehr haben, steht und fällt das Judentum gewiß nicht. Um das Judentum wäre es wahrlich traurig bestellt, das z. B. mit der Abschaffung des Rol-Nidregebetes zu Grunde gehen sollte, oder dessen Grab mit Ablegung der Arbakanfos gegraben wäre. — Hätte wohl z. B. der Gesetzgeber, der das Fahrverbot am Sabbat bestimmte, uns auch die Benutzung unserem modernen Fahrzeuge verboten? Neben dem Zwecke der direkten Ruhe am Sabbat verfolgte dieses Gebot gewiß auch den Zweck, den Mann am Sabbat ans Haus, an die^ Familie zu fesseln; ist es da nicht viel angebrachter und mehr in dem tieferen Sinne des Gesetzes, den in den modernen Großstädten oft stundenlangen U)eg zum Gotteshause in kürzester Zeit vermittels unserer modernen Verkehrsmittel zurückzulegen, als den halben Sabbat mit dem weg vom und zum Gotteshause zu verbringen, ganz abgesehen davon, daß dieses Gesetz viele von dem Besuch des-