Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126537--0691-3127426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto FrieLtorndrr: Indische Irgend und liberales Judentum 269 und um den jüdischen Gemeinden Deutschlands ihre Religion in denjenigen Formen zu erhalten und zu gestalten, die ihre wichtigste Aufgabe, nämlich 'ihre Erhaltung unter den Zuden und ihre Verbreitung unter die Völker, ermöglicht, hierfür aber war der glänzende Sieg der Liberalen in der größten und einflußreichsten Gemeinde Deutschlands von vorbildlicher Bedeutung. Bernhard Breslauer. Jüdilche Jugend und liberales Judentum. Von stud. med. Otto friedlaender-Potsdam. er die fugend hat, hat die Zukunft. Dieser Satz hat die Menschen zu jeder Zeit bewogen, die großen Gedanken und Errungenschaften jhrer Zeit auf die Jugend zu übertragen, und die Ergebnisse ihres Forschens, Schaffens und Denkens dieser zu eigen zu machen, um so das, was sie als die Frucht ihrer Tätigkeit auf materiellem und vor allem auch auf geistigem Gebiete aufzuweisen hatten, der Zukunft zu übermitteln, und kommenden Generationen zu erhalten. Dieser Grundgedanke für jede dauernde Existenz wird auch die liberale Bewegung der Juden Deutschlands veranlassen, die jüdische Jugend ihres Vaterlandes mit den hohen Gedanken und idealen Bestrebungen des liberalen Judentums vertraut zu machen. Nun fragt es sich, ob es leicht fein wird, in einer gerade gegenüber religiösen Gedanken und Bewegungen so indifferenten Zeit, wie der unsrigen, die jüdische Jugend für die neue liberale Richtung zu gewinnen. Aber, ganz abgesehen davon, daß die Jugend schon als solche stets neuen Zeitsträmungen und freisinnigen Bestrebungen infolge ihres Temperaments und jugendlichen Feuers leicht zugänglich, und für diese schnell zu erwärmen und leicht zu begeistern ist, scheint gerade die liberale Bewegung im Judentum doppelt dazu angetan, die Zugend für sich zu gewinnen und ihre Wurzeln, und somit die Grundpfeiler für künftige Zeiten, tief, fest und unerschütterlich in die Herzen der jüdischen Zugend einzusenken. Denn diese Bewegung ist wie keine zweite imstande, die vielen Gegensätze, die gerade der Zugend tagtäglich zwischen Lehre und Leben begegnen, auszugleichen, Tradition und modernes Fühlen harmonisch zu verknüpfen und manche tiefe Rluft auf den verschiedensten Gebieten, auf denen Bräuche, die auf jahrhundert und jahrtausend alte Ueberlieferungen zurückblickend dauerndes Gastrecht für sich beanspruchen wollen, und zeitgemäßes Empfinden und Denken Zusammentreffen, zu überbrücken. Fragen wir uns daher wie sich die jüdische Zugend zu den einzelnen Zdeen des liberalen Zudentums stellen kann, welche Gedanken und Empfindungen sie für diese hegt, welche Wünsche und Hoffnungen sie ihr entgegenbringt. Wie gesagt, gerade die Zugend, als die Generation, die am meisten beeinflußt von allen modernen und modernsten Zeitströmungen aufwächst, wird den Gegensatz zwischen Lehre und Leben doppelt deutlich und zugleich auch doppelt schmerzlich empfinden. Sie ergibt sich nicht ohne weiteres mit der mehr dem gereiften Alter angehörenden Resignation in diesen Dualismus, sondern wird bestrebt sein, ihn aus dem Wege zu räumen. Dieses wird ihr jedoch in den weitaus meisten Fällen unter den heute noch obwaltenden Verhältnissen nicht gelingen, und so wird sie, falls sie nicht aus äußerlichen Gründen zum Heuchler werden will oder muß, nur die Zahl der Zndifferenten vermehren und somit zu einem gleich traurigen und