Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Me Berliner Grmeindewahlen In Wahrheit hat diese Persönlichkeit nur einen geringen Beitrag gezahlt, und in Wahrheit haben die Kriegskosten der liberalen ungefähr halb so viel betragen, wie diejenigen, die die Gegner aufgewendet haben. Die Summen sind ganz genan bekannt geworden. Aus alledem ist für die Liberalen der Schluß zu ziehen, daß überall in den Gemeinden, in denen sich neue Gemeindevereine unter Führung der Zionisten oder auch nur unter ihrer Mitwirkung bilden, sie sich unter keinen Umständen in irgend welche Verhandlungen mit diesen Vereinen einlassen dürfen, daß man vielmehr an jeder Stelle ihnen entgegentreten muß, wenn man zu einem Siege kommen will. Jedes Kompromiß bedeutet eine Niederlage des religiösliberalen Gedankens. Man möge sich nicht täuschen lassen durch die Verquickung des politischen mit dem religiösen Liberalismus. Endlich aber folgt daraus, daß überall die Liberalen eifrig weiter arbeiten müssen, daß sie überall ihre Organisationen vervollkommnen und den religiösliberalen Gedanken mit Energie weiter verbreiten müssen. Denn darüber kann kein Zweifel sein, daß im Kernpunkt zwei Weltanschauungen mit einander um die Oberherrschaft ringen. Der neue Gemeindeverein, der die Führung aller Gegner der Liberalen übernommen hat, hat für sich ein ausführliches Programm aufgestellt und dieses zum Wahlprogramm erklärt. Läßt man aus diesem Programm die zahlreichen Verwaltungs-Angelegenheiten fort, die teils von den Liberalen bereits durchgeführt, teils mit ihrer Hilfe in der Durchführung begriffen sind, so bleiben noch zwei Kategorien von Forderungen übrig, die einander gegenüberstehen. Die eine Kategorie umfaßt Verwaltungsforderungen politischer Art, wie die Aenderung des Wahlzensus und dergl. — für diese ist ein Ausgleich möglich. Die zweite Kategorie aber enthält Hauptforderungen des Zionismus. So wird die Ausbildung in der hebräischen Sprache in einem Umfange gefordert, der nur dazu dienen kann, diese Sprache zu einer Volkssprache für die Juden zu gestalten. So wird die Errichtung jüdischer Schulen gefordert, vermöge deren eine vollständige Trennung der jüdischen Schüler von der übrigen deutschen Jugend herbeigeführt werden würde. So wird endlich ein purtft aufgestellt, der möglichst harmlos und unverständlich die „Unterstützung der Zentralisierung der jüdischen Organisation" genannt wird, und hinter dem mangels jeder andern Erklärung nur die Unterstützung der Zionistischen Organisation verstanden werden kann. Die Programmpunkte bedeuten bei ihrer Durchführung die Beherrschung der deutschen jüdischen Gemeinden im Sinne nationalistischer Weltanschauung. Demgegenüber will der deutsche jüdische Liberalismus religiös-liberal in dem Sinne sein, daß er die jüdische Religion als den alleinigen Mittelpunkt des Judentums anerkennt und alle andern Bestrebungen aus den Verwaltungen der jüdischen Religionsgemeinden Deutschlands ausgeschlossen sehen will. Die Religion aber will er so anerkannt und ausgeübt wissen, daß das wesentliche die Lehre und ihre Verbreitung unter den Völkern bildet, während das Gesetz als etwas Zeitliches, von Menschen für Menschen gemacht, als der Fortbildung unterliegend erachtet wird. Der Kampf dieser beiden Weltanschauungen ist älter wie man vielleicht annimmt. Wer die Zeichen der Zeit aber versteht, wird nicht im Zweifel sein, daß die Zukunft dem Liberalismus gehört. Der Kampf wird deshalb weiter geführt werden müssen, um das Vordringen des Neo-Romantizismus zu verhindern, der sich Zionismus nennt,