Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Air Berliner Grweindewahien offiziell nicht an dem Wahlkampf beteiligt, aber ihre Leiter und Mitglieder haben trotzdem nicht minder eifrig in den Reihen des Lentralvereins gegen die Liberalen'gefochten. Sämtliche fünf koaliierten Gruppen hatten sich auf eine gemeinsame Kandidatenliste geeinigt, nachdem aber diese Kandidatenliste veröffentlicht war, hat der Tentralverein, wie man sich erzählt, ohne die anderen koalierten Antiliberalen noch einmal zu befragen, seinerseits eine eigene Liste aufgestellt, in die er 5 Liberale und (3 Kandidaten von der Koaliüonsliste ausgenommen hat. Gegen diese Gegner hatten sich die Liberalen zu wehren. Der Kampf war heftig. Schon bei Errichtung des neuen Gemeindevereins hatten seine Begründer überall verbreitet, daß der nächste Wahlkampf eine Agitation herbeiführen würde, wie sie Berlin noch nicht gesehen hat. Diese Ankündigung ist wahr gemacht worden, und es sind Behauptungen in den Flugblättern und Versammlungen aufgestellt und verbreitet worden, wie sie früher noch niemals die Gegner der Liberalen in der Öffentlichkeit aufzustellen gewagt hatten. Man behauptete, daß die Liberalen die Mischehe und Taufe begünstigen, während doch der Liberalismus alles daransetzt, das Judentum für alle Zeit lebenskräftig zu machen und zu erhalten. Fälle von Taufe und Mischehen kommen leider in allen Kreisen und Parteien vor; ist doch auch ein Neffe Herzl's getauft, und haben Nordau und Zangwill christliche Ehefrauen. Man behauptete, daß die Liberalen den Sabbat abschaffen wollen, daß sie die hebräische Sprache beseiügen wollen, daß sie den Sonntags-Gottesdienst einführen wollen, und man scheute sich nicht, die Liberalen als die Zerstörer des Judentums hinzustellen. Die Liberalen, die so zum Kampf genötigt waren, haben das ihrige getan, um die Angriffe abzuwehren. Alle Angriffe nützten aber den vereinigten Antiliberalen nichts. Die Liberalen haben einen Sieg erfochten, wie nie zuvor. Zm Durchschnitt erhielten die Liberalen etwa 5500, die Gegner etwa 3700 Stimmen, unter den Letzteren sind auch die etwa 500 Sümmen enthalten, die Lentralverein und Mittelpartei auf sich vereinigt haben. Zn (H Wahllokalen fand die Wahl statt. Sieht man von Rixdorf ab, wo nur 89 Stimmen abgegeben wurden (32 liberale und 57 antiliberale), so gelang es den vereinigten Gegnern, nur in zweien eine Mehrheit zu erlangen. Diese beiden Wahllokale liegen in Gegenden in denen eine größere Anzahl Orthodoxer, namentlich solcher wohnt, die erst in neuerer Zeit vom Ausland hierher übergesiedelt sind. Zn der Kaiserstraße waren 37°/o und in der Schönhauser-Allee 3(% der Stimmen für die Liberalen abgegeben worden. — Resultate, die dem Verhältnis nach durchaus zufriedenstellend waren. Zn den übrigen Wahllokalen war der Prozentsatz der liberalen Sümmen folgender: Lukkauerstraße 56°/o, Granienburgerstraße 56 o/o, Bismarckstraße 60°/o, Burgstraße 63%, Blücherstraße 65%, Speyererstraße 66%, Hansaufer 66%, Lindenstraße 68%, Potsdamerstraße 77%, Motzstraße 78%, Zoachimsthalerstraße 78%. So stellen sich die Verhältnisziffern, wenn man nur die Liste der Liberalen als ausschlaggebend für diese in Anspruch nimmt. Zieht man die Ziffern hinzu, die die 5 liberalen Kandidaten erhalten haben, die auch auf den Listen der Gegner figurierten, so wird das Verhältnis noch günstiger, denn dann ergibt sich, daß für die Liberalen (03 95( Sümmen abgegeben sind, für die Gegner aber 6( (39 Sümmen, so daß H2 8(2 Stimmen mehr auf die Liberalen entfallen sind. Das entscheidende für den Sieg aber ist, daß die Liberalen in der Repräsentantenversammlung für die nächsten 5 Zahre unbestritten %