Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 212 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Me Nürnberger Versammlung — Vortrag non JustHrat Sreslaner mit mir nicht zusammen arbeiten, und ich sage mit vollem Bewußtsein „erniedrigt", denn niemandem auf der Welt ist es gegeben, auf dem Gebiet der Religion zu behaupten, daß er derjenige sein, der allein die Wahrheit kennt und vertritt. (Bravo!) Und wie mit den Orthodoxen, so ist es mit den sogenannten Indifferenten. Wer sind die Indifferenten? Sind das meine Gegner? Ich trete mit ihnen zusammen am Tage bei der Arbeit, im Beruf, auf den: Gebiet der Kunst und Wissenschaft. Ich «trete mit ihnen zusammen überall da, wo es Gutes und Schönes zu erreichen gibt; nur auf dem Gebiet der Religion wollen sie nicht Mitarbeiten; und deshalb sollte ich ihr Gegner sein? Anschauung steht hier gegen Anschauung! Sollte ich nicht deren Anschauungen ebenso ehren, wie ich verlange, daß der Indifferente auch meine Anschauung ehrt. Aber den Indifferentismus bekämpfe ich, das ist mein Gegner; der will der Welt weismachen, der will die Welt mit den Gedanken durchsetzen, daß die Religion, etwas ganz Unnötiges, etwas Ueberflüssiges, etwas Ueberwundenes sei. Diese Anschauung ist es, derentwegen ich den Indifferentismus als meinen Gegner behandeln muß. Wer bloß indifferent ist, weil er sich nicht erheben kann zur Höhe der Religion, der er nicht Herz und Gemüt öffnet, wer nicht diejenige Stimme in seinem Innern hört, die wir eben Religion nennen, der ist nicht ohne weiteres mein Gegner; ich will ihn wecken, ich will ihn zu mir herüberziehen, ich will ihn Anteil nehmen lassen an den beglückenden Gedanken und Gefühlen, die mich beseelen, aber ich will ihn nicht bekämpfen. Der aber, der da sagt: „Was Du tust, das ist überflüssig, das ist überwunden, ich habe mit Dir nichts mehr zu tun," der ist mein Gegner; den habe ich zu bekämpfen. Und vielleicht empfindet er dann allmählich, daß die Religion, der wir anhangen, die erste ist, die sich durch alle Not der Zeit durchgerungen hat, die heute noch die beste ist und die auch in Ewigkeit die erste, die alte, die beste sein wird. (Bravo.) Zwischen den Indifferenten und Orthodoxen gibt es eine Kategorie, die man mit allen möglichen, schönen Namen bezeichnen könnte. Ich möchte sie heute in freundlicher Weise die „Schein-Orthodoxen" benennen. Meine Damen und Herren! Ich weiß nicht, ob es auch hier in Nürnberg diese Kategorie gibt. Ich muß hier voraufschicken, daß ich Ihre bayrischen Verhältnisse nicht genügend kenne, auf die bayrischen Verhältnisse kann ich nicht exemplifizieren. Ich kann nur besprechen, was mir in dieser Beziehung aus Norddeutschland bekannt ist. Da haben wir bei uns eine Anzahl von Herren, die in den Gemeindeverwaltungen täüg sind; die für sich gar keine religiösen Vorschriften kennen, von allen anderen aber verlangen, daß sie an allen Vorschriften und Regeln festhalten, Herren, die wohl wissen, daß es gewisse Vorschriften, gewisse rituelle Einrichtungen gibt, daß die Gebräuche und Gewohnheiten in früheren Zeiten, auf die sie paßten, hochgehalten wurden, die aber selbst sich über alle oder die meisten Gebräuche hinwegsetzen, Herren, die, wie erwähnt, in den Gemeindeverwaltungen sitzen, und die sich über alle möglichen Formen und Einrichtungen unterhalten, und dann verlangen, daß die Formen, wie sie in parct* graphen, Gesetzesverordnungen und Bestimmungen gebannt sind, noch ferner Geltung haben, damit sie — von den anderen erfüllt werden. Fragen der Religion kennen sie rächt, für sie stehen nur die rituellen Vorschriften in Frage. Aber diese Vorschriften halten sie nur verbindlich für die Anderen; sich selbst wollen sie nicht binden.