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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 210 (sequence 42)
Language
German
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210 Are Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar. Hirsch ger sind wir und deshalb um so begeistertere . Juden." (Bravo!) Vertuschungspolitik, welchen Grades es immerhin sei, zu treiben, verbietet uns unser Gewissen. Wohl soll die Religion das Leben meistern, aber wohlgemerkt, die Religion, nicht das, was die tiefere Erfassung der Religion als irreligiös oder wertlos erkannt und abgestoßen und überwunden hat; (Beifall) die Religion, aber nicht all jenes Beiwerk, das zur höheren, edleren Religio nserkenntnis sich verhält wie etwa die Astrologie zur wissenschaftlichen Sternenkunde; die Religion und nicht jene Uebungen, welche im Lichte der vergleichenden Religionswissenschaft als einer niedrigen Stufe religiösen Denkens und Glaubens entnommen und überkommen, von den Propheten schon zurückgewiesen oder kaum geduldet oder nur durch Spitzfindigkeit dem Mosaismus aufgezwungen, in Nacktheit und Nichtigkeit, in Unwürdigkeit und Wertlosigkeit unserem Denken und Empfinden fremdartig und abstoßend entgegentreten. Uns dünkt, auf diese Akrobaten der Vermittelungstheologie, welche sowohl der Wissenschaft als auch der Religion Gewalt antun und beiden untreu sind, paßt der Hohnruf des alten Feuergeistes Elijah: „Wie lange noch werdet Ihr — wie die richtigere Uebersetzung lauten muß — an zwei Türschwellen hinkenden Tanz aufführen?" wenn irgendwie dem Abfall Vorschub geleistet wird, und ihm Entschuldigungsgründe nahe gelegt werden, so ist es dort, wo man dem Wahne lebt, man könne Wissenschaft und Religion als getrennte Gebiete behandeln und durch Schaukelkünste den verrat an beiden verheimlichen. Unser Judentum kennt keine Trennung von Forschen und Handeln, von Lehre und Leben. Dem liberalen Judentum Amerikas ist es tiefernst mit dem Gedanken, daß im Judentums Schätze verborgen sind, die es nun gilt, zum Nutzen der größeren Menschenfamilie zu heben. Darf ich Ihnen im Bilde veranschaulichen, was wir nach dieser Richtung hin anstreben, so folgen Sie mir zu den Gestaden der großen Süßwasserseen, dorthin, wo sich der Dntario donnernd herabstürzt von hoher Felskante in das tief unten liegende Bett des Niagaraflusses. Schon von weitem schallt uns das Brausen und Zischen dieser schäumenden Wassermassen entgegen. Der nähere Anblick dieser brodelnden, wuterfüllten, gischtgekrönten Sturzwellen erfüllt uns mit Grauen, doch im Sprunge zerstäuben die brandenden Fluten. Sie schmücken sich mit zartgewobenem Brautschleier, und fällt der Morgensonne Strahl auf dies Gewebe, von Wasserfäden gesponnen, so umkränzt ein doppelter Regenbogen die gewaltig erregten, in Schaum gekleideten Wassermassen. Jahrtausende schon, seit vulkanische Umwälzungen das obere Flußbett getrennt haben vom unteren, erschallt dort der Seen Wutgebrause. Rothaut und später Weißgesicht hat staunend und von Schauer ergriffen diesem Wirbelspiele der stürzenden Wellen und der Stromschnellen tiefer unten zugesehen und sich der Farben des von Regenbogen durchstickten Schleiers gefreut. Aber in jüngster Zeit ist es gelungen, diese gewaltige Kraftäußerung zu verwerten. Man hat den Riesenfall ins Joch gespannt, unbeschadet seiner Urwüchsigkeit und seiner Schönheit. Heute entlockt man ihm Leucht- und Triebkraft; ferne Städte versorgt er mit Licht und unzähligen Rädern haucht er Leben ein, ungezählte Webstühle und Werkzeuge des Gewerbefleißes beschwingt er zu nutzbringender Arbeit. Auch wir wollen die Wunderkraft und Wunderschönheit unseres Judentums so fassen, daß ihm entfesselt werde die leuchtende und belebende Kraft, uns und der ganzen Menschheit zum Segen. Den Tempel der in Gott geeinten Menschheit wollen wir

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