Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 209 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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20K Are Nürnberger Versammlung — Usrtrag von Prof. Ar. Hirsch xlätze, der neuen Zeit sich anpassend und neu empfundenen Anforderungen dienend, entstanden, wo einstens Bastionen finster drohend Zugang und Bewegungsfreiheit sperrten. Nur einzelne Tore hat man mit schonender Hand erhalten. Sie künden von alter Herrlichkeit. Sie mahnen aber auch an neue Aufgaben. .(Lebhafter Beifall). — Nun, ähnlicher weise sind wir in Amerika verfahren. Dem neuen Gedanken mußten wir gerecht werden, wir konnten nicht dulden, daß die Synagoge zum Mausoleum für alte Mumien, zum Museum für Altertümer erstarrte. (Bravo!) Leben in der Synagoge und die Synagoge für das Leben — das war unsere Parole. Um den Zusammenhang aber mit der Geschichte nicht zu verwischen, um auch uns zum Bewußtsein zu bringen, daß unser Werk nur die Vollführung alt begonnener Bestrebungen ist, ließen wir einzelne Mahnzeichen stehen. (Bravo!) Im Sch’ma und in der Kedduschah und anderen, dem jüdischen herzen besonders lieb gewordenen Gebeten wenden auch wir der Väter Sprache an. Und wir mühen uns redlich um die Verbreitung der Uenntnis des hebräischen als der Sprache, in welcher die Propheten redeten und die j)salmisten dichteten. Für endlose, ermüdende, nichtssagende, die Andacht ertötende Wiederholungen haben wir weder Verständnis noch Duldung. Unser Auge ist auf das kommende, nicht auf das, was war, gerichtet. Ueber die Zerstörung des alten Tempels in Jerusalem können wir nicht klagen. Seine Wiedererstehung ersehen wir nicht. Daß der Mpferdienst eingegangen, erfüllt uns nicht mit trauernder Wehmut. Uns ist der Gedanke, daß Blutvergießen von Gott befohlen und Gott genehm sei, ein furchtbar widriger, wir überlassen dieses Jammern jenen, welche wirklich glauben, daß der Gpferdienst von Gott eingesetzt ist, und die den Zwiespalt, welcher ihnen entgegengähnt zwischen dem dem Juden von Gott Befohlenen und dem dem Juden von demselben Gotte als dem Lenker der menschlichen Geschicke Ermöglichten, nur durch die Auffassung überbrücken können, daß Gott zur Strafe für begangene Sünden Israel die Möglichkeit genommen und versagt hat, das göttlich Gewollte zu vollziehen. (Sehr richtig!) Diese Erklärung des Sinnes unserer Leidensgeschichte lehnen wir mit aller Entschiedenheit ab. Sie klingt allzustark an den j)aulinischen Ausspruch vom Fluche des Gesetzes an. (Bravo!) Auf unseren Lippen ist das Bekenntnis, wir seien aus unserem Lande vertrieben und unter dem Fluche von Sünde nun im Exil unfähig, unsren religiösen Verpflichtungen Genüge zu leisten — Lüge, wir sind Amerikaner und durchaus nicht Amerikaner in zweiter Linie und zweiter Rlasse. Wir sind seßhaft in unserem Lande. An dessen Auf- und Ausbau hatten und haben wir Teil. Unser Schweiß hat seine Gefilde befruchtet. Unser Fleiß hat mitgeholfen, seine Urwälder zu lichten, seine Sümpfe in lachende Fluren zu wandeln, seine Berge zu durchqueren, seine Prärien zu besiedeln. Galt es sein Sternenbanner zu verteidigen, Sklavenketten zu sprengen, im j)ulverdamxf und Aampfesbrausen standen wir Schulter an Schulter mit unseren Volksgenossen anderer Herkunft und andren Religionsbekenntnisses. (Bravo!) Aber, indem wir uns als Amerikaner bekennen und betätigen, wird es klar, daß unserem Judentum in keiner weise dadurch Abbruch geschieht. Im Gegenteil, in ihren Grundtönen und Grundsätzen klingen beide harmonisch zusammen. Vom Judentum wollen wir, eben weil wir freie Amerikaner sind, nicht lassen. Fragt um unter uns, was wir sind. Aus aller Mund wird die Antwort erschallen: „Juden sind wir und darum treue Amerikaner, freie amerikanische Bür-