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Liberales Judentum · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 208 (sequence 40)
Language
German
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208 Nie Nürnberger Versammlung — Vortrag von Prof. Ar. Hirsch Herz des betenden Juden erpochen machen. Dennoch, wie bei Uns in Amerika, wird sich die Muttersprache immer weitere Beachtung erzwingen, als die Sprache, in welcher die freisinnige Synagoge ihrem Hoffen und Sehnen Worte zu leihen sucht. Auf jeden Fall gilt es, aus der Liturgie alles auszumerzen, was unseren Gefühlen, unserem Denken Hohn spricht. In Amerika haben wir es gewagt, alles zu streichen, was unseren Ueberzeugungen zuwider läuft. Und fürwahr, nicht zum Schaden wahrer Religiosität. Allerdings liegen für manches die deutschen Verhältnisse ganz anders, Hier gibt es Gesamtgemeinden, staatlich geregelt, und man kann sagen staatlich erzwungen. Bei uns kennt man Gesamtgemeinden nicht. Unsere Gemeinden sind — wenn auch nicht geschieden — doch verschieden von einander. Sie wurden von Anfang an nicht auf örtlicher Basis, sondern auf prinzipiellem Unterbau gegründet. Bei uns trennen sich im Gotteshause Liberale von den Gemäßigteren und diese wieder von den starr am Althergewöhnten Festhaltenden. Das ermöglicht, Reformen durchzuführen. Das entbindet auch den Lehrer der freisinnigen Gemeinde solcher Rücksichten, welche, wie wir vernommen haben, den freisinnigsten Rabbiner in Deutschland noch binden und beeinflussen. Mir steht es nicht zu, mit meinen deutschen Amtsgenossen zu rechten. Ich begreife ihre Stellung. Ich weiß, daß auch unsere großen Führer, so lange sie in Europa amtierten, sich ebenso hüteten, durch Rücksichtslosigkeit das vertrauen derjenigen Mitglieder der Gesamtgemeinde, welche an solchen Dingen noch hingen, zu verscherzen. Doch wir in Amerika haben es besser. Nicht nur theoretisch dürfen wir der Rirchenreligion entgegentreten. Auch praktisch sind wir der Pflicht enthoben, uns an etwas zu binden, das unsrer Auffassung vom Wesen des Judentums so schnurstraks widerspricht. In betreff der Ehegesetze haben wir schon längst drüben den Schritt getan, welcher als wünschenswert von meinem verehrten Vorredner angedeutet worden. Und die Sittlichkeit, das innige Familienleben, hat nicht gelitten. Im Gegenteil. In Folge unsres Eingreifens verschwanden Einrichtungen, die aus Verhältnissen sich ergaben, denen unsere Gesittung und unsere Anschauungen von der Ehe und Frauenwürde sich nicht einfügen lassen. Was wir drüben angestrebt und durchgeführt haben ist nichts anderes, als was in diesem herrlichen Nürnberg der neue Geist und die neue Zeit bewerkstelligt haben. Das Nürnberg der alten Zeit mußte weichen dem Andrange jüngerer Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Für Luft und Licht, für Raum zu neuen Werkstätten und Wohnungen, den Erfordernissen moderner Hygiene entsprechend erbaut, mußte Sorge getragen werden. Was half da alle Romantik? Was alles Fimmeln von der j)oesie der Butzenscheiben? (Beifall.) Diese Rauten sind sehr.schön, aber in unseren Wohnungen verwenden wir sie heut zu Tage nicht mehr. Sie gehören ins Museum. Sie passen zu dem Antiquitätenkabinett. Enge winklige Gäßlein bezaubern den Blick von weiter Ferne und hohem Auslugturm auf das mittelalterliche Städtebild gerichtet. Sie entsprangen den Bedürfnissen und Vorurteilen einer hinter uns liegenden Zeit, welche fürwahr mit Unrecht als die gute alte bezeichnet wird. Heute wissen wir es, die Sonne ist der Freund und Förderer, nicht der Feind und Vernichter des Lebens. Den reinigenden Winden darf der Zutritt nicht gewehrt werden, falls Gesundheit und Frohsinn unter uns aufsxrießen sollen. Die alten.Wälle und Gräben umkleidet der Reiz prächtiger Erinnerungen. Doch da eine neue Sachlage sie ihrer Nützlichkeit und Notwendigkeit entkleidet hat, fielen die Mauern, und die Graben wurden verschüttet. Neue Straßen und Zier-

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